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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Anderes Theater – Theater des Anderen. Geschlecht und Alterität im postdramatischen Theater"
RessourcentypCall for Papers
TitelAnderes Theater – Theater des Anderen. Geschlecht und Alterität im postdramatischen Theater
BeschreibungMit Elfriede Jelineks 1989 erhobener Forderung: „Ich will kein Theater, ich will ein anderes Theater“ ist die postdramatische Wende im deutschsprachigen Theater der letzten 20 Jahre pointiert zum Ausdruck gebracht worden: Unter das Schlagwort des „postdramatischen Theaters“ (Lehmann 1999) fallen verschiedene Tendenzen des Gegenwartstheaters: die Auflösung von Gattungsgrenzen, ästhetische Praxen des Antiillusionismus, der Performativität, der akzentuierten Körperlichkeit, und der theatralen Selbstreflexion.

Die Inszenierung wird als autonome Kunstform begriffen. Regisseure und Regisseurinnen orientieren sich nicht mehr an den Prinzipien der Mimesis und der Fiktion sowie an dem Primat des Textes. Der Dramentext ist für sie vielmehr eine Spielvorlage, der sie eine ebenso große Bedeutung beimessen wie den anderen genuin theatralen Mitteln – den räumlichen, visuellen und akustischen Zeichen. Parallel dazu hat sich die Dramenästhetik verändert. Die für die dramatische Form konstitutiven Strukturprinzipien der Figuration und Narration werden seit den achtziger Jahren zunehmend kritisch genutzt oder überwunden. Im Extremfall werden Theatertexte als ‚Sprachflächen‘ ohne klare Trennung von Haupt- und Nebentext und ohne eindeutige Sprecherzuweisung verfasst.

Dieses postdramatische Drama und Theater ist – so unsere Ausgangsbeobachtung – durch eine spezifische Auseinandersetzung mit Alteritäten gekennzeichnet. Dies betrifft die Kategorie Geschlecht ebenso wie Ethnizität oder körperliche ‚Normalität’. Die Tagung zielt darauf zu untersuchen, wie sich dies erstens in der dramaturgischen Konzeption von Bühnenstücken, zweitens in der Inszenierungspraxis und drittens in der Programmatik/Theatertheorie manifestiert.

1. Zahlreiche Autoren und Autorinnen führen die soziokulturelle Konstruktion von Geschlecht vor, so etwa Martin Crimp („Attempts on her life“, 1997), Gesine Danckwart („Girlsnightout“, 1999), Elfriede Jelinek („Raststätte“, 1994), Nora Mansmann („zwei brüder drei augen“, 2008) oder Marlene Streeruwitz („Waikiki Beach“, 1988, „Sapporo“, 2000). Jelinek und Streeruwitz verhandeln dabei auch Vorstellungen körperlicher ‚Normalität’ und Konstruktionen ethnischer Differenz (Jelinek: „Burgtheater“, 1985; „Stecken, Stab, Stangl“, 1996; Streeruwitz: „Ocean Drive“, 1991). Auf der Konferenz soll nach dem Zusammenhang zwischen der Thematisierung von Alteritäten und der postdramatischen Theaterästhetik gefragt werden.

2. Da das postdramatische Theater nicht darauf zielt, einen Bedeutung generierenden Dramentext zu illustrieren, sondern der Text gleichwertig neben dem materiellen Bühnengeschehen rangiert, kommentieren bzw. dekonstruieren viele postdramatische Inszenierungen die in den jeweiligen Theatertexten thematisierten Alteritäten. Als Beispiele seien Michael Thalheimers „Emilia Galotti“ (2002) und „Lulu“ (2005), Nicolas Stemanns „Ulrike Maria Stuart“ (2007) oder Stephan Puchers „Othello“ (2004) genannt. Auch für die Performance-Kunst ist die Auseinandersetzung mit der soziokulturellen Konstruktion von Geschlecht, Ethnizität und körperlicher ‚Normalität’ konstitutiv. Der Ausstellung psychischer und physischer ‚Devianz’ auf der Bühne kommt besondere Bedeutung zu (z.B. Schlingensief). Auf der Tagung sollen diese vielfältigen Inszenierungen diskutiert werden: Durch welche theatralen Akte wird Alterität kodiert bzw. werden Normen destabilisiert (Kleidung, Gestik, Bewegung, Sprechmodi etc.)? In welchem (Spannungs-)Verhältnis stehen dabei Dramentext und Inszenierung?

3. Die Konferenz fragt zuletzt auch danach, wie geschlechtertheoretische Debatten die ästhetischen Konzepte von Theaterschaffenden beeinflussen und umgekehrt. Autorinnen wie Jelinek oder Streeruwitz setzen sich mit den ‚Gender Studies‘ auseinander, was sich in der Thematik und Ästhetik ihrer Theatertexte sowie in ihren programmatischen Ausführungen manifestiert. Zu untersuchen ist ferner, ob und inwiefern die Kategorie Geschlecht eine Rolle für das Selbstverständnis der Bühnenautor/innen und der Theaterschaffenden spielt. So reflektieren etwa Jelinek („Clara S.“, 1981; „Er nicht als er“, 1998), Elfriede Müller („Damenbrise“, 1989) oder Friederike Roth („Erben und Sterben“, 1992) in ihren Dramentexten über den Theaterbetrieb bzw. über geschlechtsspezifische Fragestellungen zur Autorschaft. Auf der Ebene der Inszenierung lassen hingegen Regisseur/innen die Autor/innen der Theatertexte als Bühnenfiguren auftreten (vgl. Nicolas Stemann in „Ulrike Maria Stuart“, 2006, Frank Castorf in „Raststätte oder sie machens alle“, 1995).

Willkommen sind Beiträge, die sich mit folgenden Fragen befassen:

− Welche Zusammenhänge lassen sich zwischen der Thematisierung von Alterität und der Theaterästhetik beobachten (bezogen auf Theatertext, Inszenierung, Programmatik/Theorie)?
− Wie und mit welchen Mitteln werden Alteritäten (de-)konstruiert? (Visualität, Raum, Lautlichkeit, Körper als theatrales Zeichen)
− Welche Körperästhetiken werden in der Auseinandersetzung mit Alterität entwickelt?
− In welchem Bezug stehen die Thematisierung verschiedener Alteritäten (Geschlecht, Ethnizität, ‚Behinderung’)? Welche Ähnlichkeiten, Differenzen und Interdependenzen lassen sich zwischen verschiedenen Alteritäten beobachten?
− Inwieweit trägt die Kategorie Alterität zur Reflexion der Institution Theater bei? Auf welchen Ebenen wurden Veränderungen initiiert – z.B. im Hinblick auf eine geschlechtsspezifische Rollenverteilung oder in Bezug auf die Bedeutung des Schauspielerkörpers?

Veranstalterinnen: Prof. Dr. Nina Birkner (Jena), Prof. Dr. Andrea Geier (Trier), Dr. Urte Helduser (Marburg). Die Tagung findet in Kooperation mit dem Centrum für Postcolonial und Gender Studies (CePoG) der Universität Trier vom 25. bis 27.11.2010 in Trier statt.

Wir bitten Interessent/innen, Abstracts (nicht mehr als 3.000 Zeichen) bis zum 5. April 2010 an die Veranstalterinnen zu schicken:
nina.birkner@uni-jena.de, geier@uni-trier.de, helduser@staff.uni-marburg.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortTrier
Bewerbungsschluss05.04.2010
Beginn25.11.2010
Ende27.11.2010
PersonName: Birkner, Nina 
Funktion: Prof. Dr. 
E-Mail: nina.birkner@uni-jena.de 
Name: Geier, Andrea 
Funktion: Prof. Dr. 
E-Mail: geier@uni-trier.de 
Name: Helduser, Urte 
Funktion: Dr. 
E-Mail: helduser@staff.uni-marburg.de 
KontaktdatenName/Institution: Prof. Dr. Andrea Geier, Universität Trier 
Strasse/Postfach: FB II, Germanistik/Neuere deutsche Literaturwissenschaft 
Postleitzahl: 54286 
Stadt: Trier 
Telefon: 0651 201 2335 
Fax: 0651 201 3909 
E-Mail: geier@uni-trier.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Dramentheorie; Genderforschung; Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Theater (Aufführungspraxis)
Zusätzliches SuchwortPostdramatisches Theater
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