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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Den Menschen er/zählen: Poetologien des Einzelfalls und der Statistik"
RessourcentypCall for Papers
TitelDen Menschen er/zählen: Poetologien des Einzelfalls und der Statistik
BeschreibungWorkshop: Den Menschen er/zählen: Poetologien des Einzelfalls und der Statistik
Universität Erfurt, 1. – 2. Juli 2010

Auf den ersten Blick scheinen sich Fallgeschichte und Statistik als zwei Formen der Produktion von Wissen über den Menschen geradezu antagonistisch gegenüber zu stehen. Wenn sich die Ableitung allgemeiner Aussagen auf der einen Seite aus der einzelnen Erscheinung vollzieht, lassen sich auf der anderen Seite Gesetzmäßigkeiten erst aus der großen Zahl einzelner Phänomene ansichtig machen. Dennoch handelt es sich um zwei Praktiken der Wissensgenerierung, die in ihren jeweiligen Anwendungsgebieten wie etwa in Medizin und Recht, später in Biologie, Psychologie und Soziologie gemeinsame Ausgangspunkte, Schnittmengen und Ziele aufweisen. Nicht zuletzt – so die Ausgangsbeobachtung – bildet die Literatur als privilegierter Ort, an dem Wissen über den Menschen verhandelt wird, einen diskursiven Raum, innerhalb dessen die Produktions-, Repräsentations- und Objektivierungsweisen von Statistik und Fallgeschichte erprobt, mit konstituiert und ausgetragen werden. Der Gegensatz von Zählen und Erzählen, der der Statistik auf der einen der Fallgeschichte auf der anderen Seite als ihre darstellungslogische Entsprechungen zurechnet wird, soll dabei kritisch beleuchtet werden.

Beide – die Fallgeschichte wie auch die Probabilistik als Vorläuferin der modernen mathematischen Statistik – lassen sich historisch gesehen auf den Paradigmenwechsel der Erfahrungswissenschaften in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück führen. Das empirische Postulat und der Anspruch der Objektivierung verlangen flächendeckende Beobachtung, das Sammeln von Daten und damit auch die Ausbildung spezifischer Darstellungsformen. Während die Darstellung von Fällen die Besonderheiten des singulären casus in narrative Kohärenz überführt und sie bis ins Unermessliche mit Details anreichert, liegen andererseits die spezifisch medialen Strategien des probabilistischen Kalküls in der Anordnung großer Datenmengen durch die Herstellung von Listen, Tabellen und Graphen, deren Berechnung eben gerade die Ausblendung jener besonderen Details voraussetzt. Exemplarisch für diese zweite Praktik sind die Ausführungen des belgischen Statistikers Adolphe Quételet, wenn er 1835 für die Fundierung seiner „Sozialen Physik“ auf der Notwendigkeit insistiert, vom einzelnen Menschen zu abstrahieren um zu allgemeinen stabilen Aussagen gelangen zu können. Gerade die Methode Quételets, der Kalküle der Wahrscheinlichkeit auf Datenmaterial der Statistik anwendet und damit die prominente Figur des Durchschnittsmenschen auf den Plan treten lässt, stellt den fiktionalen Charakter statistischer Praktiken und damit auch die Durchlässigkeit der Grenze jener Unterscheidung von Zählen und Erzählen heraus.
Doch operiert nicht nur die Statistik mit Abstraktionsverfahren wie der Errechnung des Durchschnittsmenschen. Auch die Akkumulation von Fällen und ihrer Geschichte soll schließlich Typen, Typologien und normatives Wissen bestimmen helfen. Gerade darin liegt ihre Crux: Wie die in der Astronomie zur Beseitigung von Messfehlern entwickelte Gaußschen Fehlerkurve führt Quételets Anwendung der Kurve zur Ermittlung von Mittel- oder Normalwerten aus der Disparatheit der Daten und somit aus ihrer – wenn man so will – Abweichung. Ähnlich zielt auch die Fallgeschichte auf die Produktion von Aussagen über die Natur des Menschen durch Fälle, die überhaupt erst zum Fall werden, indem sie von dieser abweichen. Gewissermaßen bestätigt der Fall also eine Regel, die erst noch gefunden werden muss.

Vor diesem Hintergrund möchte der Workshop eine wissenspoetologische Perspektive auf Momente der Verschränkung von Fallgeschichte und Statistik als zwei grundlegende Strategien zur Erzeugung des Wissens vom Menschen werfen. Erwünscht sind Beiträge, die sich im Zeitraum zwischen 1750 und 1930 bewegen und gerne eine interdisziplinäre sowie komparatistische Perspektive einnehmen können.

In den Blick zu nehmen wäre dabei etwa die Frage, in welcher Weise Fallgeschichte und Statistik auf diskursiver, epistemologischer und darstellungslogischer Ebene im gemeinsamen Bemühen um die Herstellung stabiler Wissensobjekte Spannungsfelder erzeugen; und wie sie durch Regeln und Verfahren der Evidenzerzeugung an der Herstellung eines Wissen vom Menschen partizipieren, das die Grundlage für gouvernementale Regierungstechnologien und Normalisierungspraktiken bereit stellt.
Weiterhin ließe sich fragen, in welcher Weise literarische Gattungsformen wie die des Romans, deren Ausbildung bereits hinsichtlich ihres Verhältnisses zu Fallgeschichte und Statistik prominent untersucht wurde, oder andere literarische Gattungen (etwa Novelle, Parabel, Anekdote, Bericht, Exemplum) mit beiden Erkenntnis- und Darstellungsformen in Zusammenhang stehen. Mitzudenken wäre dabei durchaus auch die Rolle nicht-literarischer Gattungen und narrativer Formen (etwa Protokolle, Gutachten, Berichte, journalistische Formate, Essays).
Darüber hinaus sind besonders in der Literatur die Möglichkeitsbedingungen der diskursiven und medialen Hervorbringung von Fällen, Typologien und Durchschnitten von Interesse, sowie Konstellationen, in denen solche Figurationen eben gerade nicht auf allgemeine Kausalitäten und Gesetzmäßigkeiten abzielen, sondern geradewegs in das Gebiet der Kontingenz führen, in der die Ausnahme und die Partikularität über die Regel herrschen. Somit steht also auch die Frage nach dem gegendiskursiven Potential der Literatur mit zur Diskussion. Neben den einschlägigen Autoren (wie z.B. Defoe, Fielding und Schnabel für das 18. Jahrhundert; Kleist und Büchner für das 19. Jahrhundert; Döblin, Musil, Kafka und Robert Walser für die Zeit um 1900) interessiert sich der Workshop an der Stelle auch für die Texte anderer in Bezug auf diese Konstellation weniger untersuchter Autoren und Autorinnen.

Gesucht werden Beiträge aus den Literatur- und Kulturwissenschaften, der Wissenschaftsgeschichte und den Sozialwissenschaften. Die Sprache des Workshops ist Deutsch, englischsprachige Beiträge sind ebenfalls willkommen. Bitte schicken Sie ein kurzes Abstract (max. eine Seite) Ihres geplanten Vortrags (max. 25 Min.) und einen knappen Lebenslauf bis zum 6. April an lucia.iacomella@uni-erfurt.de und/oder stefanie.retzlaff@uni-erfurt.de
Für eine Unterkunft am Tagungsort in Erfurt ist gesorgt, Reisekosten können leider nicht erstattet werden.

Konzeption und Ansprechpartnerinnen: Lucia Iacomella (lucia.iacomella@uni-erfurt.de) und Stefanie Retzlaff (stefanie.retzlaff@uni-erfurt.de), Forum „Texte. Zeichen. Medien“ der Universität Erfurt.

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortErfurt
Bewerbungsschluss06.04.2010
Beginn01.07.2010
Ende02.07.2010
PersonName: Lucia Iacomella 
Funktion: Ansprechpartnerin 
E-Mail: lucia.iacomella@uni-erfurt.de 
Name: Stefanie Retzlaff 
Funktion: Ansprechpartnerin 
E-Mail: stefanie.retzlaff@uni-erfurt.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeErzähltheorie; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte)
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik
Ediert von  H-Germanistik
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