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Ergebnisanzeige "»Ich habe dich beim Namen gerufen.« Metaphern und Morphome der Welt- und Selbstreferenz"
RessourcentypCall for Papers
Titel»Ich habe dich beim Namen gerufen.« Metaphern und Morphome der Welt- und Selbstreferenz
Beschreibung»Ich habe dich beim Namen gerufen.«
Metaphern und Morphome der Welt- und Selbstreferenz

Forschungskonferenz der Universität Luxemburg und des
Internationalen Kollegs Morphomata: Genese, Dynamik und Medialität kultureller Figurationen (Köln)

6.–8. Mai 2010

Konzeptuelles Problem

»Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!«, singt das Rumpelstilzchen. Doch die Königin errät seinen Namen. Das Ende vom Lied in der Grimmschen Fassung: »Das Männlein schrie ›Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt‹ und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, dass es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riss sich selbst mitten entzwei.«

Woher rühren Zorn und Angst des Rumpelstilzchens? Die Antwort liegt möglicherweise in dem Glauben, dass die Königin allein schon dadurch Gewalt über das Rumpelstilzchen hat, dass sie seinen Namen kennt. Das ist eine uralte, ursprünglich religiöse Vorstellung. Im Alten Testament heißt es: »So spricht der Herr, der dich geschaffen hat [...], ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir.« (Jes 43,1) Der Name ist nicht irgendein Wort, sondern ein Wort, das einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Benannten herstellt – hier ein Besitz- und Unterordnungsverhältnis. Oder der Name ist ein Begriff, der – so auch Freuds Logik der Zote – seinen Gegenstand im sprachlichen Begreifen tatsächlich körperlich berührt: Daher das jüdische Tabu, den Namen Gottes auszusprechen, weil man Gott so gewissermaßen unziemlich berühren würde. Oder aber der Name zitiert buchstäblich herbei, was er benennt: Daher der Volksaberglaube, dass man den »Gott-sei-bei-uns« nicht beim Namen nennen darf, sondern umschreiben muss. Und daher Mephistos sophistisch mit Fausts angeblicher Verachtung des Wortes begründete Weigerung, seinen Namen zu nennen.

Die Vorstellung einer adamitischen Namensprache (Gen 2, 19ff.), in der Bezeichnung oder Wort und Bezeichnetes oder Ding sich auf magische Weise nahe sind oder sogar ineinanderfallen, zieht sich über Jahrhunderte durch Literatur und Sprachtheorie. Paracelsus, Hamann und Walter Benjamin haben sich hierauf bezogen. Nach Paracelsus etwa hat »Gott, der oberste Skribent, jedem Ding ein Schellen und Zeichen angehängt«. Und Walter Benjamin meint, die »Unmittelbarkeit« der Sprache – »ihre Magie« – sei »das Grundproblem der Sprachtheorie«: ganz so, als wären alle Worte Zaubersprüche, deren Macht in Vergessenheit geraten ist.

Auch die Semiotik und die Kulturtheorie der 1970er und 1980er Jahre kennt keine auratisch-magische Referenz: Worte und Dinge sollen nicht unmittelbar, ja nicht einmal mittelbar, sondern gar nicht mehr »ursprünglich« oder »natürlich« verbunden sein. Die »Selbstreferentialität« der (modernen) Literatur ist im Gefolge dieser epistemologischen Verschiebung beinahe ein Topos; Zeichen kreisen nur um sich selbst und bezeichnen so nichts als wiederum andere Zeichen. In dieser Perspektive ist das durch die Bezeichnung Bezeichnete nie ein Referent beziehungsweise Referenzobjekt in der außersprachlichen Welt, sondern immer nur eine weitere Bezeichnung auf der unendlichen Kette der Signifikanten. In ähnlichem Sinne hat Jean Baudrillard von »Simulakren« gesprochen und vom »Zeitalter der Simulation, in dem alle Referenten liquidiert sind«.

Mit Blick auf die zugrundegelegte Topologie der Referenz lassen sich also zwei Extrem-Pole oder Grenzwerte ausmachen, zwischen denen sich alle Zeichen-Theorien verorten müssen: auf der einen Seite die buchstäblich absolute Selbstreferenz, auf der anderen die magisch-unmittelbare Weltreferenz. In der absoluten Selbstreferenz bilden Dinge und Worte oder Bedeutungen getrennte Sphären, die je für sich bestehen; die Realität ist das dem symbolischen Zugriff grundsätzlich entzogene Lacanianische »Reale«. Begriffe erreichen nicht die nicht-semantische Wirklichkeit. In der absoluten Referenz hingegen sind Dinge und Worte oder Bedeutungen einander eineindeutig zugeordnet und berühren dabei einander wie in der adamitischen Namensprache.

Strikt Zeichen-logisch gesehen sind beide Vorstellungen absurd. Sie markieren Grenzwerte. Würden sie erreicht, verschwände das Zeichen, das sich ja gerade über einen mittelbaren Weltbezug definiert. Von der Schlegelschen Idee einer »progressiven Universalpoesie« als Doppelbewegung von unendlicher Begegnung und Verfehlung zugleich bis hin zu Derridas grammatologischer Zeichen-Kritik zeigt sich: Die semiotisch-referentielle Fundierung des Zeichens ist brüchig.

Aktuelle theoretische Debatten, Themen und Anknüpfungspunkte

Im Moment, scheint es, schwingt das Pendel in der Theorie weg von der Selbstreferenz und wieder hin zur Weltreferenz, um sich endlich von »jenem Trauma eines Verlusts der konkreten Welt« zu befreien, das die Sinn-fixierten Geisteswissenschaften »seit Wilhelm Dilthey wie ein dunkler Schatten begleitet hatte« – wie Hans Ulrich Gumbrecht es vermutet.

So kommt es, dass sich die Theorie in jüngster Zeit wieder verstärkt Themen vor oder Diesseits der Hermeneutik (Gumbrecht) öffnet oder vielmehr von der Hermeneutik aus an einem Brückenschlag arbeitet. Themen und Schlagworte dazu lauten zum Beispiel ›Präsenz‹ (Jean-Luc Nancy, Hans Ulrich Gumbrecht), ›Erscheinen‹ (Martin Seel), ›Ereignis‹ (Dieter Mersch), ›fremde Dinge‹ (Dorothee Kimmich), ›das Reale‹ (Slavoy Žižek) oder ›Fotografie als Zeugenschaft‹ (Georges Didi-Huberman).

Morphomata

Vor dem Hintergrund der theoretischen Debatten greift die Konferenz das Morphom-Konzept auf, so wie es derzeit am Internationalen Forschungskolleg in Köln verhandelt und erforscht wird. Der Konzeptbegriff ›Morphom‹ konzeptualisiert die Spannung kulturellen Wissens zwischen allgemeinen Wissensstrukturen und konkreten Erscheinungen. Er bezeichnet die sinnlich wahrnehmbare Form kultureller Gebilde, die in ihrer Gestalt weitgehend konstant, deren Gehalt aber potentiell veränderlich ist. Morphome definieren sich somit als rekurrente Formen, die für Bedeutungsverschiebungen und -aufladungen offen sind. Gleichermaßen lenkt dies den Blick auf kulturelle Konstanz wie auf oftmals unterschwelligen Wandel. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Frage der Referenz noch einmal anders konturieren, indem nach den rekurrenten Anteilen, die jedem Referenz-Konzept inhärent sind, gefragt wird. Was ist dasjenige, das im Spiel von Codierung und Recodierung zur Erscheinung kommt – von Denkfiguren der Materialität über solche des Entzugs bis zu Theorien des Effekts (von Präsenz oder Absenz)? Und gibt es konkrete Modellierungen dieser Grenzen des Semiotischen, also Vorstellungen oder Denkbilder – Morphome – dieser kulturellen Logik des »Ruinösen« (Benjamin)?

Das Erkenntnisinteresse der Konferenz richtet sich insofern auf Funktion und Dysfunktion des Topologischen und Metaphorologischen in kulturellen Ordnungen und fragt nach ihrer metatheoretischen und historischen Pendel-Bewegung. Lassen sich hier Regelmäßigkeiten beschreiben? Wie lauten aktuelle Ausprägungen der eingangs umrissenen magischen Sprach-Vorstellung? Lassen sich hier Morphome und Metaphern der Referenz und der Selbstreferenz beschreiben? Wie sehen ihre Ausprägungen in unterschiedlichen Kulturen aus? Welche poetologische Rolle spielen sie?

Wie aktuell die hier umrissenen zeichen- und sprachtheoretischen Phantasmen heute sind, dass sie womöglich gar zum anthropologischen Kernbestand des Menschen zählen, zeigte im letzten Jahr eine Zeitungsmeldung: In Ägypten, hieß es, gehe die Angst um vor einer SMS, die demjenigen den Tod bringe, der sie lese. Die Regierung fahnde nach den Absendern und beruhige die Bevölkerung in offiziellen Bulletins. Und doch herrsche Angst, Angst nämlich vor einem ähnlichen lebensbedrohlichen Zeichen-Zauber, wie ihn auch das Rumpelstilzchen mit Blick auf seinen Namen fürchtet – und zwar so sehr, dass es sich umbringt.

Um die Folgen solcher Annahmen zur sprachlichen Referenz geht es der Konferenz.

Kontakt

Prof. Dr. Georg Mein / Dr. Stefan Börnchen
Université du Luxembourg
Laboratoire de linguistique et de littérature allemandes
Campus Walferdange
Route de Diekirch
B.P. 2
L–7201 Walferdange
E-Mail: stefan.boernchen@uni.lu
www.germanistik.lu

Dr. Martin Roussel
Universität zu Köln
Internationales Kolleg Morphomata:
Genese, Dynamik und Medialität kultureller Figurationen
Albertus-Magnus-Platz
50923 Köln, Germany
E-Mail: martin.roussel@uni-koeln.de
www.ik-morphomata.uni-koeln.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortLuxemburg
Bewerbungsschluss08.03.2010
Beginn06.05.2010
Ende08.05.2010
PersonName: Dr. Stefan Börnchen 
Funktion: Ansprechpartner 
E-Mail: stefan.boernchen@uni.lu 
KontaktdatenName/Institution: Université du Luxembourg 
Strasse/Postfach: Campus Walferdange, Route de Diekirch, B.P. 2 
Postleitzahl: 7201 
Stadt: Walferdange 
E-Mail: stefan.boernchen@uni.lu 
Internetadresse: www.germanistik.lu 
LandLuxemburg
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLinguistik; Methodologie / Wissenschaftsgeschichte; Pragmatik (Sprechakttheorie, Implikatur, Handlungstheorien, Historiopragmatik); Semiotik (Text und Bild); Sprache in den Medien / Medienwissenschaft (Sprache in Massenmedien, Internet und Hypertext, Medienentwicklung); Sprache und Gesellschaft (Diskursanalyse, Ethnographie, Sprachkritik, Sprachplanung, Sprachpolitik); Sprachphilosophie / Kommunikationstheorie (Sprachtheorie, Sprachbegriffe); Literaturwissenschaft; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur 1500 - 1580; Literatur 1580 - 1700; Literatur 1700 - 1770; Literatur 1770 - 1830; Literatur 1830 - 1880; Literatur 1880 - 1945; Literatur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literaturtheorie: Themen; Motiv- u. Stoffgeschichte
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/12653

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