VIRTUELLE FACHBIBLIOTHEK GERMANISTIK Germanistik im Netz Logo

Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Literatur und Nichtwissen. Konzepte, Modelle, Theorien"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelLiteratur und Nichtwissen. Konzepte, Modelle, Theorien
BeschreibungLiteratur und Nichtwissen. Konzepte, Modelle, Theorien

Workshop, 5./6. Februar 2010

ETH Zürich, HG E 22

Schon seit längerer Zeit ist durch verschiedene literaturwissenschaftliche Zugänge herausge-arbeitet worden, dass Literatur auf vielfältige Weise an Wissen beteiligt ist. Sie kann Wissen hervorbringen, darstellen, verarbeiten und reflektieren, indem sie es rhetorisch formiert, narrativ relationiert und fiktional erprobt. Hierdurch vermag Literatur Wissen einerseits zu popularisieren; andererseits erzeugt sie – ähnlich der Philosophie – aber stets auch ein Wissen vom Wissen, insofern sie die Bedingungen der Möglichkeit seines Erscheinens thematisiert.

Allerdings ist Literatur nicht nur mit Wissen relationiert. Weil sie keinen eigenen Wissens-gegenstand besitzt, sondern stattdessen durch die sprachliche Form und eine spezielle modale, oft narrative und fiktionale Zugangsweise zu ihren repräsentierten Gegenständen definiert ist, zeichnet sie sich in wissenshistorischer Hinsicht vor allem dadurch aus, dass sie ungewöhnliche Kombinationen von Wissensbeständen herstellt und in von Wissenschaften vernachlässigte Gebiete vordringt, die oft als Gebiete des Nicht-Wissens verstanden werden.

Literatur zeigt somit auch eine starke Affinität zum Nicht-Wissen: Sie verwandelt Grenzen des Wissens in Schwellen des Wissens; sie positioniert sich an Orten, wo Wissenschaften keine exakten Ergebnisse erzielen können oder dürfen; sie erzählt fiktionale Geschichten über Problembereiche des Wissens der Zeit; und sie stößt vor in Bereiche, wo verifizierbares Wissen nicht möglich ist. Beispiele für eine solche literarische Bearbeitung von Nicht-Wissen finden sich in den poetologischen Auseinandersetzungen mit den Wissenschaften um 1800, in der narrativen Erprobung und Umspielung wissenschaftlichen Wissens und Nicht-Wissens in den Literaturen des Realismus und Naturalismus oder in den auf den ‚Zufall‘ bauenden Theo-rien und Praktiken moderner, avantgardistischer Literatur.

Ausgehend von wissenschaftsgeschichtlichen Untersuchungen, in denen zunehmend auch Aspekte unsicheren oder gar falschen Wissens als genuiner Forschungsbeitrag erkannt worden sind (Bachelard, Fleck, Rheinberger, Proctor/Schiebinger), und dazu in Anknüpfung an eine wissensgeschichtlich orientierte Literaturwissenschaft, die vereinzelt schon die Relation von Literatur und Nicht-Wissen behandelt hat (Vogl, Schäffner, Borgards, Adler/Godel), sind folgende Problemfelder besonderer Klärung bedürftig:

1) Nicht-Wissen: Welche Formen des Nicht-Wissens können unterschieden werden und in welcher Relation steht dieses Nicht-Wissen jeweils zu Wissen? Wie kann die Dynamik zwischen implizitem und explizitem, unbekanntem und bekanntem Nicht-Wissen beschrieben werden? Wie ist es um das ‚Nicht‘ im ‚Nicht-Wissen‘ bestellt? Ist ein absolutes Nicht-Wissen, das in keiner Relation zu einem Wissen steht, überhaupt denkbar – oder ist es stets relational zu verstehen? Und schließlich: Muss Nicht-Wissen erzeugt werden – und falls ja: wie geschieht dies? Oder ist Nicht-Wissen immer schon als Neben- bzw. Abfall-produkt von Wissen vorhanden? Welche positiven wissenschaftlichen wie kulturellen Effekte werden mit Nicht-Wissen verbunden?

2) Literatur und Nicht-Wissen: Wie bezieht Literatur sich im Vergleich zu anderen Wissensformen auf Konstellationen von Wissen und Nicht-Wissen? Welche strategische Be-deutung hat das Nicht-Wissen für eine literarische Wissensproduktion? Wie gewinnen Literatur und Wissenschaften ihre spezifischen Kriterien für die Produktion und Repräsentation von Wissen und Nicht-Wissen? Welche formalen Eigenheiten der Literatur spielen dabei, gerade im Vergleich zu anderen Medien, eine Rolle?

3) Historische Formationen von Literatur und Nicht-Wissen: Welche Formen des Nicht-Wissens werden von der Literatur in welchen historischen Abschnitten bearbeitet? Welche Zeitschwellen lassen sich unterscheiden und wie können sie begründet werden? Wie interagiert Literatur mit bestimmten Neuordnungen von Wissen und Nicht-Wissen: etwa mit der angesprochenen kritischen Neustrukturierung der zeitgenössischen Kenntnisse und Erkenntnisse durch Kant oder, nach 1850, mit den Herausforderungen des Darwinismus, der neuen wissenschaftlichen Theoriemodelle von Maxwell bis Heisenberg sowie der Philosophie Nietzsches?


Programm:

5. Februar

14.30 Uhr:
Begrüßung, Einführung in die Thematik

15.00 Uhr:
Rainer Godel: Literatur im Umbruch. Literarische Reaktionen auf Nichtwissen 1770-1810

16.00 Uhr:
Pause

16.30 Uhr:
Eva Johach: Geträumte Epigenesis. Die Gedankenexperimente in Diderots "D'Alemberts Traum"

17:30 Uhr:
Pause

18.30 Uhr:
Tobias Lachmann: Poetologien verborgenen Wissens und das literarische Verschwörungsmodell. Interdiskursivitäten um 1800


6. Februar

09.30 Uhr:
Michael Bies: Darstellung des Nicht-Wissens vom Organischen um 1800

10.30 Uhr:
Virginia Richter: Hidden Origins: Nicht-Wissen und Erzählen über Evolution

11.30 Uhr:
Pause

12.00 Uhr:
Andrea Polaschegg: Literarisches Bibel(nicht)wissen und die Rhetorik der Säkularisierung

13.00 Uhr:
Mittagessen

14.30 Uhr:
Michael Gamper: Literarische Meteorologie

15.30 Uhr:
Pause

16:00 Uhr:
Peter Schnyder: Erdgeschichtliche Konjekturen. Literatur und geologisches (Nicht-)Wissen im 19. Jahrhundert

17:00 Uhr:
Pause

17:30 Uhr:
Uwe Wirth: Konjektur und (Nicht-)Wissen

18:30 Uhr:
Abschlussdiskussion

Veranstalter: Michael Bies, Michael Gamper

Kontakt: bies@gess.ethz.ch; gamper@gess.ethz.ch

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressewww.lw.ethz.ch
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortZürich
Beginn05.02.2010
Ende06.02.2010
PersonName: Michael Bies, Michael Gamper 
Funktion: Veranstalter 
E-Mail: bies@gess.ethz.ch; gamper@gess.ethz.ch 
KontaktdatenName/Institution: SNF-Förderprofessur für Literaturwissenschaft, ETH Zürich 
Strasse/Postfach: Rämistrasse 101 
Postleitzahl: 8092  
Stadt: Zürich 
Telefon: 0041 44 632 71 73 
E-Mail: bies@gess.ethz.ch; gamper@gess.ethz.ch 
Internetadresse: www.lw.ethz.ch 
LandSchweiz
SchlüsselbegriffeHistorische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Literatur- u. Kulturgeschichte; Literaturtheorie: Themen
Klassifikation05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.11.00 Stoffe. Motive. Themen
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/12142

© Virtuelle Fachbibliothek Germanistik | Letzte Änderung 28.01.2010 | Impressum | Intern