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Ergebnisanzeige "Zwischenzeit, Grenzüberschreitung, Aufstörung – Bilder von Adoleszenz in der deutschsprachigen Literatur"
RessourcentypCall for Papers
TitelZwischenzeit, Grenzüberschreitung, Aufstörung – Bilder von Adoleszenz in der deutschsprachigen Literatur
BeschreibungCall for Papers
Zwischenzeit, Grenzüberschreitung, Aufstörung – Bilder von Adoleszenz in der deutschsprachigen Literatur

Wissenschaftliche Tagung am Zentrum für Deutschsprachige Gegenwartsliteratur und Medien (ZGM) der Universität Zielona Góra, 13. bis 15. Mai 2010

Tagungsleitung und Veranstalter: Prof. Dr. Carsten Gansel (Universität Gießen) und Prof. Dr. Pawel Zimniak (Universität Zielona Góra)


Vorschläge zu einer kulturwissenschaftlichen Fundierung von Literaturwissenschaft haben die Rolle von Texten als „spezifische Formen des individuellen und kollektiven Wahrnehmens von Welt und Reflexion dieser Wahrnehmung“ betont. In dem Maße wie Texte als Medien der Wahrnehmung erster wie zweiter Ordnung funktionieren, nehmen sie – neben anderen Instanzen – teil an der „kulturellen Sinnproduktion“ (Wilhelm Vosskamp). Hartmut Böhme sieht Literatur als eine „besondere Thematisierungs- oder Perspektivierungsstrategie, durch die Bedeutungen erzeugt werden“. Diese Bedeutungen müssen zum Gegenstand von Untersuchungen gemacht werden, weil sich in ihnen das „Potential der Literatur als ausgezeichneter Form der Selbstbeobachtung von Gesellschaften“ zeigt. Dabei vermittelt Literarizität sich nicht im „luftleeren Raum“, sondern – wie Doris Bachmann-Medick herausstellt – „immer erst in Begleitung kulturspezifischer Themen, Bedeutungsfelder und Handlungsweisen, denen im Weg über die Fiktionalisierung neue Deutungsaspekte erschlossen wurden“. Insofern steht die Frage, welche „kulturspezifischen Themen“ bzw. „Bedeutungsfelder“ es sind, die bevorzugt fiktionalisiert werden.
Die Tagung möchte nun ein zentrales Thematisierungs- und Bedeutungsfeld von Literatur diskutieren, nämlich jene Phase, die das Ende der Kindheit und den Übergang zum Erwachsenenalter anzeigt: die Jugend bzw. Adoleszenz.

Mit der Frage nach der Adoleszenz bzw. dem Adoleszenz-Begriff ist in literatur- wie kulturwissenschaftlicher Perspektive ein Bezug hergestellt zu Disziplinen, die sich dieser „Zwischenzeit“ zuwenden. Aufgerufen sind mindestens Medizin, Neurophysiologie, Anthropologie, Psychologie, Psychiatrie, Neurobiologie, Hirnforschung, Kriminologie, Soziologie, Erziehungswissenschaft, Empirische Sozialforschung, Politologie, Gender- und Generationenforschung. Von daher ist eine transdisziplinäre Betrachtung der Adoleszenz notwendig. Dies um so mehr, da die Adoleszenz als Übergangszeit eine Vielzahl von tiefgreifenden körperlichen, psychischen und sozialen Veränderungen mit sich bringt. Vera King kommt zu dem Ergebnis, dass der Begriff Adoleszenz besonders dort genutzt wird, wo es darum geht, „Entwicklungsprozesse im Verhältnis zu Entwicklungspotenzialen“ zu qualifizieren. Damit wiederum sind entsprechende Forschungsrichtungen angesprochen, die Fragen der Erlangung von Ich-Identität untersuchen, die Reifung postkonventionellen Denkens und moralischen Handelns erfassen oder die Fähigkeit zur Integration. Die Besonderheit von Adoleszenz als „lebensgeschichtlicher Phase“ besteht – darin existiert Konsens – gerade im Mit- und Gegeneinander von körperlichen, psychischen und sozialen Prozessen. Dies erklärt, warum Adoleszenz als ein „transistorischer Zeitabschnitt“ gilt, der durchaus chaotisch-anarchische Züge tragen kann. Insofern kann die Phase der Adoleszenz auch als eine besondere Form der ‚Aufstörung’ gelten. Manche bezeichnen sie auch als „Karneval des Subjekts“ bzw. „Avantgarde des Individuums“ (M. Erdheim).

Wenngleich es auf der Tagung um Adoleszenz in der Literatur geht, wird darauf abgezielt, Ergebnisse u.a. von Medizin, Neurophysiologie, Psychologie, Erziehungswissenschaft, Evolutionspsychologie bei der Auseinandersetzung um Adoleszenz herauszustellen. Es gilt zu überprüfen, inwieweit diese mit kulturwissenschaftlichen Ansätzen korrelieren und welchen Beitrag die Beschäftigung mit entsprechenden literarischen Texten zur Erforschung des „Gesamtphänomens“ Adoleszenz leisten kann. Insofern ist explizit ein Dialog zwischen Geistes- und Naturwissenschaften angestrebt. In diesem Sinne soll die Tagung den Auftakt zu einem größeren Forschungsprojekt bilden.
Eine altersmäßige Festlegung der Adoleszenz ist bekanntlich nur annähernd möglich, grundsätzlich wird von einer Zeitspanne zwischen dem 11./12. bis zum 25. Lebensjahr ausgegangen. Unter den veränderten kulturellen Bedingungen (post)moderner Gesellschaften gewinnt die so genannte Postadoleszenz an Bedeutung. Im 20./21. Jahrhundert reicht diese mitunter bis in das dritte, ja sogar vierte Lebensjahrzehnt hinein. Es hängt dies mit der Tatsache zusammen, dass junge Menschen zwischen 20 und 35 Jahren zwar eine politische, kulturelle, partiell soziale Selbständigkeit erlangen, ohne allerdings über gesicherte Ressourcen zur Lebenssicherung zu verfügen.
Zu beachten ist, dass die Phase der Adoleszenz kulturgeschichtlich determiniert ist. Es bedeutet also einen Unterschied, ob von Adoleszenz im 18. Jahrhundert, um die Jahrhundertwende, den 1950er Jahren oder nach 2000 die Rede ist. Ebenso sind für die Bestimmung von Adoleszenz die jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Bedeutung, also die Frage danach, ob die Adoleszenz sich in einer ‚offenen’ bzw. demokratischen Gesellschaft vollzieht oder in einer ‚geschlossenen Gesellschaft’ bzw. einer Diktatur. Insofern hat sich die Phase der Adoleszenz in der Bundesrepublik von jener in der DDR unterschieden. Und für das gegenwärtige Deutschland ist in Rechnung zu stellen, dass Adoleszenz unter Migrationsbedingungen eine besondere Herausforderung bedeutet. Angesichts eines Prozesses von Globalisierung und Hybridisierung erscheinen die Konfliktlinien in der Adoleszenz für Jugendliche etwa in Russland, China oder den arabischen Staaten noch weitaus schärfer. Anders gesagt: Von entscheidender Bedeutung für die Verlaufsformen von Adoleszenz und ihre spezifischen Ausprägungen ist der Stand von gesellschaftlicher Modernisierung. Es macht einen Unterschied, ob sich Adoleszenz unter vormodernen, modernen oder postmodernen Verhältnissen vollzieht. Moderne Jugend bedarf – darüber existiert ein Konsens – eines offenen Problemraumes mit vielfältigen Entscheidungs- und Individualisierungsmöglichkeiten. Insofern lässt sich sagen: Adoleszenz im modernen Sinne ist Produkt eines Prozesses von gesellschaftlicher Modernisierung.
Schließlich sind die Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Adoleszenz zu beachten, weil eben dies Konsequenzen für die Darstellungen in der Literatur hat.

Wenn es nun um Bilder von Adoleszenz in der Literatur geht, dann wird man davon sprechen können, dass sich ab Beginn des 20. Jahrhunderts ein neues Gattungsmuster herausgebildet hat, der Adoleszenzroman. Der Adoleszenzroman stellt eine Typenbildung auf der Grundlage von inhalts- bzw. stoffbezogenen Merkmalen dar. Da „Stoff“ bekanntlich ein „außerhalb der Dichtung“ (Elisabeth Frenzel) existierendes Faktum bezeichnet, es sich also um das in der ‚Wirklichkeit’ existierende ‚Material’ handelt, das ein Autor zur literarischen Gestaltung nutzen kann, ist zu fragen, welche literarische Gestaltung Adoleszenz in historischer wie aktueller Perspektive erfährt (Vgl. Gansel 2004).

Ausgehend von den genannten Positionen können auf der Tagung folgende Aspekte eine Rolle spielen:
- Besonderheiten von männlicher und weiblicher Adoleszenz vor dem Hintergrund von neueren Erkenntnissen in der Neurobiologie, der Psychologie, der Evolutionspsychologie.
- Im Kontext mit männlicher Adoleszenz steht u.a. die Frage, ob und wenn ja, welche biologischen und kulturellen Ursachen für das erhöhte Gewalt- und Aggressionspotential von männlichen Jugendlichen verantwortlich sind (etwa Fragen nach der evolutionsbedingten intrasexuellen Konkurrenz, Faktoren der körperlichen und hormonellen Veränderungen als Gründe für die Anfälligkeit junger Männer für risikoreiche Aggressionsformen, Abenteuer, Nervenkitzel und Grenzerfahrungen bzw. - überschreitungen).
- Zu diskutieren ist die offensichtliche Beziehung zwischen Adoleszenz und (Selbstmord)- Terrorismus sowie die Stichhaltigkeit des so genannten „young male syndroms“.
- Da für die Phase der Adoleszenz Grenzüberschreitungen und Störungen inhärent sind, spielen in Literatur wie Leben Größen- und Allmachtphantasien eine besondere Rolle.
- Unstrittig dürfte sein, dass Rituale (von Männlichkeit wie Weiblichkeit) in traditionalen Gesellschaften durch ihre auf Standardisierung und Wiederholung angelegte Praxis neben dem inszenierten Schock auch „kollektive Bewältigungsformen“ für krisenhafte Adoleszenzprozesse liefern. Dagegen ist Adoleszenz in der (Post)Moderne durch eine zunehmende Entritualisierung gekennzeichnet. Zu untersuchen sind die Veränderungen, die dieser Trend für die Entwicklung von jungen Menschen mit sich bringt. Es steht die Frage, welche Folgen sich daraus für junge Menschen ergeben und welche neuen Formen der Initiation, Inkorporation, Abgrenzung sowie Störung sich gegenwärtig herausbilden.
- In der (deutschsprachigen) Literatur wird Adoleszenz seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert zum Thema und in unterschiedlicher Weise inszeniert. J. W. Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ (1774) gilt als Vorläufer des Adoleszenzromans. Vor allem seit der Epoche des Sturm und Drang sind es zunächst bevorzugt männliche Subjekte, die nach Möglichkeiten der Selbstverwirklichung suchen und versuchen, sich von der älteren Generation abzugrenzen. Wenn auf der Tagung unter Einbezug der kulturellen Kontexte Varianten der Darstellung von männlicher und weiblicher Adoleszenz insbesondere ab etwa 1800 bis in die Gegenwart diskutiert werden sollen, dann bedeutet dies nicht, dass nicht bereits in der Literatur des Mittelalters Aspekte von Adoleszenz eine literarische Gestaltung erfahren (u.a. „Parzival“, „Tristan“, „Meier Helmbrecht“). Neben diesen ‚Vorläufern’ ist ausdrücklich gewünscht, auch Ausprägungen von Adoleszenz in anderen Literaturen und Kulturkreisen in den Blick zu bekommen.
- Für die Gestaltung von Adoleszenz in der Literatur sind die verschiedenen Subgattungen des Adoleszenzromans (traditioneller, moderner, postmoderner Adoleszenzroman) im Bezug zu den kulturellen Kontexten genauer zu erfassen.
- Mit Blick auf die ‚story’, also das ‚Was’ der Texte, ist zu fragen, welche stofflich-thematischen Aspekte der Adoleszenz sich in den jeweiligen kulturellen Kontexten in den Vordergrund drängen und in welcher Weise sie ausschlaggebend sind für den möglicherweise (selbst)destruktiven Lebenslauf der jeweiligen Romanfiguren.
- Wenn verschiedene Arten von „misslungener Adoleszenz“ unterschieden werden, dann ist nach spezifischen Darstellungsvarianten in der Literatur zu fragen und danach, inwiefern sie Signaturen für einen spezifischen Kulturzustand sind.
- In dem Fall, da Adoleszenz als Schwellenphase bevorzugt ein aufstörendes Potential entwickelt, stellen die Protagonisten des Adoleszenzromans auch eine spezifische Ausprägung der topischen „Figur des Dritten“ dar. In narratologischer Perspektive sind Beispiele für adoleszente Figuren des Dritten (z.B. der Außenseiter, der Selbstmörder, der Terrorist, der Grenzgänger) näher zu beschreiben. Insbesondere die Wechselbeziehung von Figural- und Raumsemantik kommt hierbei zu tragen. In diesem Zusammenhang rücken auch spezifische Räume der Adoleszenz ins Zentrum des Interesses.

Weitere Konkretisierungen und Präzisierungen durch die Referenten/innen sind innerhalb des vorgegebenen Themenrahmens ausdrücklich erwünscht.

Bei Interesse bitten wir um Rückmeldung mit einem konkreten Themenangebot bis zum 28. Februar 2010 an eine der beiden folgenden Adressen:

Prof. Dr. Carsten Gansel
Justus-Liebig-Universität Gießen
FB 05 Sprache, Literatur, Kultur
Institut für Germanistik
Otto-Behaghel-Str. 10
35394 Gießen
Carsten.Gansel@germanistik.uni-giessen.de

Prof. Dr. Pawel Zimniak
Uniwersytet Zielonogórski
Instytut Filologii Germańskiej –
Wydział Humanistyczny
ul. Wojska Polskiego 69
65–762 Zielona Góra, Polen
P.Zimniak@ifg.uz.zgora.pl



Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortZielona Góra
Bewerbungsschluss28.02.2010
Beginn13.05.2010
Ende15.05.2010
PersonName: Gansel, Carsten [Prof. Dr.] 
Funktion: Veranstalter 
E-Mail: carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de 
KontaktdatenName/Institution: Justus-Liebig-Universität Gießen/ Institut für Germanistik 
Strasse/Postfach: Otto-Behaghel-Str. 10B 
Postleitzahl: 35394 
Stadt: Gießen 
Telefon: 0641/ 99-29121 
E-Mail: carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de 
Internetadresse: http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteratur- u. Kulturgeschichte
Klassifikation05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.11.00 Stoffe. Motive. Themen
Ediert von  H-Germanistik
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URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/12079

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