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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Der Brief - Ereignis und Objekt"
RessourcentypCall for Papers
TitelDer Brief - Ereignis und Objekt
BeschreibungDer Brief - Ereignis und Objekt

Internationale und interdisziplinäre Tagung Universität Frankfurt am Main
6. - 9. November 2008


Call for papers

Im Zentrum der Tagung wird der Brief als spezifisches mediales Phänomen stehen, und zwar in jener Form, in der es ihn nach der jüngsten medientechnischen Zäsur: dem Einzug des Computers und der damit verbundenen Möglichkeit, via Internet zu korrespondieren, so gut wie nicht mehr gibt und geben wird - als handgeschriebenes (resp. -getipptes/-gemaltes), auf Papier (oder papierähnlichem Datenträger) fixiertes, ehemals vom reitenden Kurier, später von der Postkutsche, der Eisenbahn, dem Schiff oder Flugzeug befördertes und dadurch mit allen Insignien eines singulären, womöglich kontingenten ‚Geschicks' behaftetes Mittel der Tele-Kommunikation, das sich in dieser Funktion gleichwohl nicht erschöpft, sondern als ein Gegenstand eigener Wertigkeit und ebenso eigener kultureller Praktiken zu betrachten ist.

Mit dem Medium Post teilt der Brief - wie übrigens mit jedem anderen Medium - zunächst ein negatives Moment, das, in schöner Paradoxie, unmittelbar aus seiner Mittlerfunktion, seiner Instrumentalisierung im Dienste einer (diskursiven) Zeichenpraxis hervorgeht: Der Brief erfüllt sich, insofern er im Augenblick seines Erscheinens verschwindet, seiner Bestimmung gemäß hinter die Mitteilung zurücktritt. Was zählt, ist das Mitgeteilte, nicht dessen (wie immer beschaffener) Träger - es sei denn, der Träger an sich hat den Charakter eines, sei's vorab verabredeten, sei's kontextuell definierten, Zeichens, das zum Zwecke seiner Kommunikation keines Zusatzes, keiner weiteren Zeichen bedarf, weil es die Mitteilung zur Gänze bereits ist. Unter dieser Voraussetzung fallen nicht nur Brief und Botschaft, das Objekt der Schickung und sein (propositionaler) Gehalt, seine Bedeutung, zusammen; es tritt, unübersehbar, zugleich das zweite, dem ersten exakt gegenläufige, nämlich positive Moment zutage, das Post und Brief gleichfalls gemeinsam, das seinerseits allerdings von einer Art ist, die, sobald es an die Konkretion geht, dieser Gemeinsamkeit deutliche Grenzen zieht. Dieses Moment heißt im besten hardware-Sinne Materialität - ein Moment, das seiner Natur nach überall dort im Spiele ist, wo das Phänomenale, Irreduzible, die Oberfläche, die widerständige Dingseite des Mediums und damit diejenigen Ingredienzen in den Vordergrund rücken, dank derer ein Medium als Medium allererst wahrnehmbar wird, freilich um den Preis - darin bekundet sich die systematische Zweideutigkeit des Medienbegriffs -, daß es in seiner Funktionalität, seiner angeblich selbstlosen Dienstbarkeit, auf eine ihm eigene, unentbehrliche und nicht zu überwindende Schranke trifft. Mit anderen Worten: Weder die Post noch der von ihr transportierte Brief ist eine Angelegenheit, die sich im Akt der Übertragung erschöpft; Post und Brief sind, im Gegenteil, Dispositive, die sich, so sehr sie dem Symbolischen zuarbeiten, ihrer restlosen Symbolisierung verweigern. Bei jeder Sendung bleibt ein Rückstand, ein materiales Beharren, das sich nicht auflösen, nach keiner Repräsentationsregel in Bedeutung oder Sinn überführen läßt, weil es so, wie es sich zeigt, nicht nur nichts, sondern, mit dem Gestus der reinen, unbestimmten Negation, schlechterdings nicht repräsentiert. Im Falle der Post zählt dazu das gesamte technisch-institutionelle Equipment, im Falle des Briefes ist hingegen die Palette all dessen angesprochen, was durch die traditionelle, auf den ‚Geist' fixierte Literaturwissenschaft (Nickisch) als irrelevant, als Ansammlung risikolos zu vernachlässigender, ephemerer Begleiterscheinungen, ausgeblendet worden und, wider Erwarten, nicht einmal im Rahmen der (frühen) kulturwissenschaftlichen Briefforschung (Steinhausen) über ein Schattendasein hinausgelangt ist.

Um dem skizzierten Manko, das nicht allein eines der Sache, das auch ein gravierendes Reflexionsdefizit darstellt, wenigstens ein Stück weit abzuhelfen, setzt die Tagung an eben diesem Punkt: bei der Materialität des Briefes an. Ziel des Vorhabens ist es, erstens zu zeigen, ‚was sich zeigt' (Mersch): was sich an dem Ding, das sich ‚Brief' nennt und in der (prinzipiell unaufhaltsamen) Zirkulation der Zeichen aufzugehen scheint, als Intransparenz, als a-medialer Überschuß zu erkennen gibt, und zweitens, über die phänomenale Konfrontation hinaus, eine Vorstellung von den theoretischen Implikaten, dem Begriffsregister zu vermitteln, das solche materialen Resistenzen und die damit verbundenen Erfahrungen sinnlicher wie intellektueller Art einigermaßen zutreffend zu beschreiben ermöglicht. Entsprechend gilt das Augenmerk vor allen anderen Aspekten den sogenannten ‚Äußerlichkeiten' des Briefes, die in Wirklichkeit keine Äußerlichkeiten und erst recht keine folgenlosen Banalitäten sind: zum Beispiel der Herkunft, der Qualität, dem Gewicht, der Größe, dem Format, dem Zuschnitt, der Aufnahmefähigkeit, der Farbe und - so möglich - dem Geruch und Geräusch des Papiers, das als Schreibunterlage bereits im Mittelalter an die Stelle des wesentlich kostspieligeren Pergaments getreten und auf dem Wege dieser Ersetzung zweifellos das seine zur Ausbreitung, wenn nicht zu der im 18. Jahrhundert beschleunigt vollzogenen Privatisierung des Schriftverkehrs beigetragen hat; sodann die Male der - im einzelnen nicht unaufwendigen - Prozeduren des Faltens, Verschließens, Fadeneinziehens, Bebänderns und Siegelns, die sich mit dem schon frühneuzeitlich aufgekommenen Ensemble von Ein- und Umschlag erst allmählich vereinfacht, später zum Teil erübrigt haben; ferner die Spuren der unterschiedlichsten Schreibwerkzeuge und -flüssigkeiten, inklusive der offensichlich ungewollten, zuweilen kaschierten, zuweilen retouchierten, in der traditionell textorientierten Editionsphilologie schlichtweg als Verunreinigungen gebrandmarkten Hinterlassenschaften von Tusche, Tinte, Farbband, Kugelschreiber oder mechanisch bewegter Schreibkugel; schließlich der umfangreiche Katalog jener Merkmale, durch die sich Manuskripte und Typoskripte auch sonst, insbesondere aber im Vergleich zu gedruckten Texten auszuzeichnen pflegen - Merkmale, die den Blick auf die einstige Schreibszene eröffnen, die es zumindest in Annäherungen erlauben, den Prozeß der Niederschrift zu rekonstruieren und von individuellen Zügen, der ‚Hand' des Schreibers oder der Schreiberin, von gewissen gestalterischen Vorlieben, von einem im Wortsinne eigentümlichen Ordnungsgefüge, einer bevorzugten Linien- oder Zeilenführung, einer identifizierbaren Raum- oder besser: Flächenpolitik zu sprechen, die sich gleichzeitig jedoch, aufgrund ihres konstellativen, eindeutig piktoralen Charakters, den üblichen normierenden Vervielfältigungsverfahren widersetzen und - wie man das mittlerweile an einigen editorisch avancierten Klassikerausgaben studieren kann (Hölderlin, Kleist, Kafka) - selbst dort nur unter erheblichen phänomenalen Einbußen reproduzieren lassen, wo man sich für die Bildkopie, für das vergleichsweise aufwendige Faksimile entscheidet. Zwar können, anders als beim Druck, dank dieser Präsentationsform eine Reihe der erwähnten Parameter dokumentiert werden, darunter die bis heute ihrer (vermeintlichen?) Authentizität halber mit größter Wertschätzung bedachte Handschrift; andere Indikatoren dagegen: beispielsweise das Flair, die Aura des legendär gewordenen, durch sämtliche Tönungen hindurch kenntlichen Blaus von Metas Mitteilungen, das Klopstock vor rund zweieinhalb Jahrhunderten bewogen hat, in guter fetischistischer Manier statt der Geliebten das Substitut: statt der Frau deren Briefe zu küssen und mit ins Bett zu nehmen, bleiben auch bei einer Faksimilierung auf der Strecke - nicht zu reden von den Zu-Fällen, den Fährnissen des postalischen ‚Geschicks', die aus jedem, genau genommen sogar aus dem modernen Serienbrief ein Unikat machen, indem sie ihm eine - seine - Geschichte einverleiben.

Die geplante Tagung wird sich daher um nichts Geringeres als die möglichst sinnenfällige Aufklärung eines Tatbestands bemühen, der häufig nicht einmal der professionellen Leserschaft, den in der Regel mit Printerzeugnissen befaßten Literaturwissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen, gegenwärtig ist: Daß Briefe von Hause aus keine Texte, daß Briefe nur so lange im Vollsinne des Begriffs als Briefe lesbar sind, wie sie nicht in - notgedrungen abstrakte, ihre Vorlagen reduktionistisch idealisierende - Aggregate verwandelt erscheinen. Durch die Transkription in ein situativ entwurzeltes (Text-)Gebilde verändern Briefe nicht bloß ihren Status, sie verlieren ihren eigentümlichen Charakter, werden ihrer Substanz beraubt, ja als Briefe kassiert - mit der Folge, daß sich daraus in umgekehrter Richtung, im Blick auf die zu formulierende Brieftheorie, fundamentale Schlüsse ziehen lassen. Zum ersten: Inmitten einer vom Prinzip der Wiederholung geprägten Zeichenwelt entpuppt sich der Brief als ein Phänomen, das noch diesseits seiner ihn als einmalig deklarierenden Datierung Anspruch auf Singularität erhebt und diesen Anspruch kraft seiner Beschaffenheit, kraft der ihm eigenen materialen Gravitation, geradezu hartnäckig - demonstrativ - zu verkörpern versteht; der Brief ist, anders gesagt, Akt, Anzeige und Manifest einer Interzeption, einer in Kategorien der Praxis zu denkenden Setzung, für die es Vorbilder, beschreibbare Formate, in Analogie zur Autorschaft eine historisch jeweils zu konkretisierende Matrix der Verfasserschaft, für die es aber kein existentielles ‚prä' gibt, die vielmehr das Vermögen hat, die allgemeine Zeichenzirkulation zu durchbrechen und, den Datenstrom umlenkend, ihn gleichsam kreativ wendend, das Unvorhergesehene, ein nie Dagewesenes zu initiieren. Zum zweiten: Aus demselben Grunde und nicht etwa erst des Umstands wegen, daß er verfertigt, verschickt und empfangen wird, erweist sich der Brief als Ereignis, als Inszenierung, als Konfiguration einer Szene, die ebenso ‚etwas', nämlich das ganze Repertoire der erwähnten handschriftlichen oder typographischen Auszeichnungen, zeigt, wie sie gleichzeitig, in unabweisbarer Präsenz, dieses: ihr Zeigen zeigt. Auch das Skripturale: die Buchstaben, die Symbole, die Lineamente, die durch Schrifteinträge quantifizierten, proportionierten und ‚sprechend' gemachten Räumlichkeiten, gar die von den Schreibern produzierten ‚wilden', zumeist asemantischen ‚Applikationen', sind Erscheinungen, Ekstasen, die nicht zuletzt um der kommunikativen Funktion des Briefes willen, dann jedoch, dieser Zweckbindung ungeachtet, in ihrer eigenständigen Phänomenalität, ihrer Sichtbarkeit gewürdigt sein wollen. Zum dritten: An der Erkenntnis, daß der Brief ein medialer Zwitter, daß er ein Relais ist, das neben seinen diskursiven über nicht zu unterschätzende aisthetische Dimensionen verfügt, führt kein Weg vorbei. Es sind, im Prinzip, dieselben Dimenisonen, wie man sie in langwieriger sachlicher und methodischer Auseinandersetzung allmählich an den handschriftlichen und, mit Abstrichen, an den maschinell gefertigten Skripten längst kanonisierter Texte wahrzunehmen gelernt hat, und ‚aisthetisch': im ursprünglichen Sinne des griechischen Worts, schreiben sich diese Dimensionen deshalb, weil sie jeder systematisch betriebenen Kunstphilosophie vorausliegen. Nicht anders als der Brief oder, im Plural gesprochen, die Briefe selbst, sind sie ‚Ereignisse des Erscheinens' (Seel), die unkalkulierbar aufbrechen, sich plötzlich preisgeben - was allerdings nicht ausschließt, daß dies auf eine Weise geschieht, durch die der Brief unter Einbeziehung sämtlicher Aspekte seiner Gegenständlichkeit in den Rang eines veritablen, mit durchaus vertrauten Kategorien zu erfassenden Kunstobjektes gelangt. Von dieser Möglichkeit zeugt insbesondere das reich facettierte Genre des Malbriefes, der sich mit seinem diskursiven Gebrauchswert nie zufrieden gegeben, der vielmehr seit jeher alle Energie darauf verwandt hat, die ästhetischen Valenzen seiner medialen Verfassung freizusetzen.

Literatur:
Jacques Derrida: Die Postkarte von Sokrates bis an Freud und jenseits. 1. u. 2. Lieferung, 2 Bde., Berlin 1982/87. - Davide Giuriato, Stephan Kammer (Hgg.): Bilder der Handschrift. Die graphische Dimension der Literatur, Frankfurt a. M. 2006. - Dieter Mersch: Was sich zeigt. Materialität, Präsenz, Ereignis, München 2002. - Dieter Mersch: „Einleitung: Wort, Bild, Ton, Zahl - Modalitäten medialen Dastellens“, in: ders. (Hg.): Die Medien der Künste. Beiträge zur Theorie des Darstellens, München 2003, S. 9-49. - Reinhard M.G. Nickisch: Brief, Stuttgart 1991. - Edgar Pankow: Brieflichkeit. Revolutionen eines Sprachbildes. Jacques-Louis David, Friedrich Hölderlin, Jean Paul, Edgar Allan Poe, München 2002. - Martin Seel: Ästhetik des Erscheinens, München/Wien 2000. - Bernhard Siegert: Relais. Geschicke der Literatur als Epoche der Post. 1751 - 1913, Berlin 1993. - Georg Steinhausen: Geschichte des deutschen Briefes. Zur Kulturgeschichte des deutschen Volkes, 1889. Reprint Dublin/Zürich 1968. - Martin Stingelin (Hg.): „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum“. Schreibszenen im Zeitalter der Manuskripte, München 2004. - Davide Giuriato, Martin Stingelin, Sandro Zanetti (Hgg.): „Schreibkugel ist ein Ding gleich mir: von Eisen“. Schreibseznen im Zeitalter der Typoskripte, München 2005.

Gerahmt und begleitet wird die Tagung durch eine vom 11. September bis 16. November 2008 in den Räumen des Freien Deutschen Hochstifts stattfindenden Ausstellung (inkl. Katalog), die unter demselben Titel stehen, in materieller und personeller Hinsicht aber eine von der Tagung unabhängige Veranstaltung sein wird.

Für die Tagung sind jeweils 30-minütige Vorträge mit anschließenden, ebenfalls 30-minütigen Diskussionen vorgesehen, und zwar zu den folgenden Themengruppen:

I Zeichenträger
II Versendetechniken
III Beschriftungsmaterialien/-techniken
IV (Hand-)Schriften
V Topographie
VI Ikonographie
VII Schreib- und Leseszenen
VIII Archivierung u. Kultobjekt
IX Briefbeigaben

Wir erbitten Ihren Beitrag zu diesen Themen. Bitte schicken Sie per Email einen Themenvorschlag und eine knappgefaßte Darstellung Ihres Beitrags (2-3 Seiten) bis zum 15. März 2007 an die Adresse Wiethoelter@lingua.uni-frankfurt.de

Prof. Dr. Waltraud Wiethölter
Institut für deutsche Sprache und Literatur II
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a.M.
Grüneburgplatz 1
D-60629 Frankfurt am Main

Hon.prof. Dr. phil. habil. Anne Bohnenkamp-Renken
Freies Deutsches Hochstift
Großer Hirschgraben 23-25
D-60311 Frankfurt am Main

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortFrankfurt am Main
Bewerbungsschluss15.03.2007
Beginn11.09.2008
Ende16.09.2008
PersonName: Bohnenkamp-Renken, Anne [Hon.prof. Dr. phil. habil.], Wiethölter, Waltraud [Prof. Dr.] 
Funktion: Information 
E-Mail: Wiethoelter@lingua.uni-frankfurt.de 
KontaktdatenName/Institution: Freies Deutsches Hochstift 
Strasse/Postfach: Großer Hirschgraben 23-25 
Postleitzahl: 60311 
Stadt: Frankfurt am Main 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeHistorische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Literatur- u. Kulturgeschichte; Medien- u. Kommunikationsgeschichte (Hand-, Druckschrift, Film, Rundfunk, Computerspiel usw.)
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.15.00 Literatur und Medien; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.09.00 Gattungen und Formen > 05.09.05 Weitere Formen
Ediert von  H-Germanistik
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URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/1172

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