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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Forum junge Wissenschaft II: Heimat. Zwischen Lebenswelt und Inszenierung"
RessourcentypCall for Papers
TitelForum junge Wissenschaft II: Heimat. Zwischen Lebenswelt und Inszenierung
BeschreibungKulturverein riesa efau Dresden
Forum junge Wissenschaft II

Heimat. Zwischen Lebenswelt und Inszenierung

Das 'Forum junge Wissenschaft II: Heimat. Zwischen Lebenswelt und
Inszenierung', das vom 22. bis 26.11.2006 stattfinden wird, richtet sich an
Studierende, Promovierende und Postgraduierte der geistes-, kultur- und
sozialwissenschaftlichen Fakultäten. Mit dem Forum verfolgen wir langfristig
das Projekt, eine Schnittstelle zwischen spezialisierter Wissenschaft und
interessierter Öffentlichkeit innerhalb eines nicht-akademischen Rahmens
sowie an einem ungewöhnlichen Ort (www.motorenhalle.de) zu schaffen. Das
Forum findet im Dresdner Kunst- und Kulturverein riesa efau
(www.riesa-efau.de)statt, dessen Interesse seit Jahren den verschiedenen
kulturellen Aspekten von Kommunikation und Kommunikationskulturen gilt.

Zehn junge Geistes- und Sozialwissenschaftler aus Deutschland und Europa
sollen die Möglichkeit erhalten, an vier Tagen in Workshoprunden ihre
aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten oder laufende Projekte vorzustellen
und miteinander zu diskutieren. Der Begriff der Interdisziplinarität, der
trotz seiner vielfachen Verwendung im Alltag der Fächer nach wie vor kaum
praktische Relevanz besitzt, soll hier tatsächlich mit Leben gefüllt werden.
Es sind nicht zuletzt die umgebenden Grenzen, Kulturen und Grenzkulturen,
die Dresden zu einem Ort machen, der in besonderer Weise zu einem Nachdenken
über Heimat herausfordert.

Der Anspruch des Forums besteht vor allem darin, die Inhalte der Forschungen
einem Nicht-Fachpublikum vorzustellen und nahe zu bringen. In öffentlichen
Abendvorträgen erhalten die Referenten die Möglichkeit, 'publikumswirksam'
ihre Beiträge zum Thema 'Heimat' zu präsentieren. Wir wollen die Offenheit
eines Kulturvereins, der außerhalb etablierter akademischer Strukturen
arbeitet, auch dazu nutzen, um innerhalb des 'Forums junge Wissenschaft'
auch über Alternativen der Wissens- und Wissenschaftsvermittlung
nachzudenken. Zudem sollen auch die Personen hinter den Themen und Vorträgen
'sichtbar' werden.

Ein umfangreiches kulturelles Rahmenprogramm mit Filmvorführungen, Konzerten
und Parties ist integraler Bestandteil unseres Forums.


Zum Thema

"heimat, das land oder auch nur der landstrich, in dem man geboren ist oder
bleibenden aufenthalt hat." Mit dieser Klarheit verzeichnet das Grimmsche
Wörterbuch jenen Schlüsselbegriff der Selbstverständigung moderner
Gesellschaften und bestimmt ihn in den Dimensionen des Raums. Aber
unmittelbar im Anschluß an die 'Erfindung' im frühen 19. Jahrhundert finden
Umdeutungen und Neukonzeptualisierungen von Heimat statt: sie wird,
ausgehend von Bestimmungen wie Geburts- oder Aufenthaltsort, zunehmend zum
"Kompensationsraum" (Hermann Bausinger) der Moderne und zu deren
Gegenmodell. 'Heimat' erscheint als Reflex auf Verlusterfahrungen und erhält
jene Implikationen von Zeitlichkeit, die bis in Utopie-Konzepte hinein ihre
Gültigkeit behaupten. Der Begriff bedeutet dann eine überschaubare
(Raum-)Ordnung, die der zunehmenden Komplexität der Moderne entgegenstehen
soll; dies zeigt sich insbesondere bei den Mobilisierungsbewegungen (bspw.
der 'Lebensreformbewegung') Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.
Dieses Begehren nach Kompensation der Anmutungen der Moderne in der Moderne
erfährt in den 20er Jahren eine Problematisierung. Georg Lukács' Sentenz der
"transzendentalen Heimatlosigkeit" (oder auch, was die Radikalität der
Problemlage nochmals verdeutlicht, der "transzendentalen Obdachlosigkeit")
verschiebt den Begriff der Heimat auf eine metaphorische Ebene;
'Heimatlosigkeit' erscheint als Signum seiner Zeit, oder vielmehr der
bürgerlichen Welt, und weist gleichzeitig alle Kompensationshoffnungen in
der Moderne zurück.

Das Auseinanderfallen einer als einheitlich imaginierten Welt und der Wunsch
nach einer Geborgenheit schaffenden 'Überdachung' machen die Pole eines
gleichermaßen historischen wie zeitgenössischen Spannungsfeldes aus, in dem
die Metapher der Heimat als Sehnsuchtsbegriff fungiert. Der Philosoph
Helmuth Plessner hat diesen Traum neuerlicher Totalitätsstiftung quasi als
Residuum einer vormodernen Haltung apostrophiert: "Wer nach Hause will, in
die Heimat, in die Geborgenheit, muß sich dem Glauben zum Opfer bringen. Wer
es aber mit dem Geist hält, kehrt nicht mehr zurück." An der polaren
Zuschreibung scheint sich bis heute wenig geändert zu haben. Gilt den einen
Heimat noch immer als notwendiger Hintergrund von Identitätsstiftung, so
wird er von anderen als Heimsuchung einer längst untergegangenen Welt
angesehen; schon das Denken von Heimat scheint ihnen reaktionär zu sein. Auf
jeden Fall aber scheint sich heute das Spannungsfeld von Heimat und
Heimatlosigkeit auf die Problemkonstellationen einer Mentalitätsgegenwart
wie auch auf eine räumliche und nicht zuletzt kulturräumliche Dimension zu
beziehen. Das Mobilitätsversprechen der Moderne, das sich alltäglich
sichtbar - in der rush hour ebenso wie im Massentourismus - erfüllt, hat
auch einen Mobilitätsimperativ hervorgebracht, beispielsweise bei der
Arbeitssuche. Ob als unproblematische Möglichkeit der Karrieredynamisierung
oder als Zwang zur Entwurzelung wahrgenommen - vorausgesetzt bleibt die
Mobilitätsbereitschaft allemal. Globalisierung, um einen weiteren Aspekt zu
nennen, scheint manchen als weltumfassende Kulturnivellierung. Andere sehen
dies gerade als Chance, das Fremde in das Eigene einzuarbeiten und mithin zu
bereichern; Robert Robertson hat dies in den auf Globalität wie Lokalität
verweisenden Hybrid-Begriff der Glokalisierung gefaßt. Was man wohl deutlich
sehen kann, ist, daß Heimat nach wie vor ein Sehnsuchtsort ist, eine Vision,
deren Erfüllung Behausung verspricht, eine gemeinschaftliche oder geradezu
familiale Geborgenheit. Das Forum Junge Wissenschaft, das in diesem Jahr zum
zweiten Mal stattfindet, will sich diesem vielschichtigen Thema widmen. Daß
Heimat ein Symbolbegriff ist, macht die Öffnung für verschiedenste
inhaltliche Besetzungen möglich. Räumlich läßt sich Heimat auf verschiedenen
Ebenen ansiedeln: vom Ackerflecken bis zum 'blauen Planeten' kann unter
verschiedenen Umständen Verschiedenes als Heimat angesprochen werden.
Angebunden an Bedingungen der Kultur dient Heimat ebenso als
Projektionsfläche politischer Besetzungen. Und in religiösen bzw.
religionsphilosophischen Vorstellungen findet sich eine 'letzte Heimat', die
einen ortlosen Ort vorstellt. Mit 'Heimat' soll so ein Feld aufgespannt
werden, dessen zahlreiche Dimensionen es im Rahmen des Forums auszuleuchten
gilt.
Wir schlagen drei Orientierungen vor. Diese sind selbstredend keineswegs
erschöpfend, zumal es zahlreiche Überschneidungen gibt; sie sind Vorschläge
- im folgenden kurz an einigen, vor allem auf Deutschland bezogenen
Beispielen exemplifiziert -, über die hinauszugehen wir gern aufrufen
wollen.

(1) Raum und Lebenswelt:
Räume sind die vielleicht offensichtlichsten Bezugspunkte von
Heimatgefühlen. Das Dorf, die Stadt, das Land, zunehmend vielleicht der
Kontinent machen geographische Punkte heimatbezogener Identitätsstiftung
aus. Heimat ist der Ort, wo man herkommt. Zur Raumdimension gehören jedoch
auch Natur- bzw. Landschaftsräume, man denke nur an den deutschen Wald oder
die Sächsische Schweiz. Den zahlreichen 'Vereinen für Heimatschutz', die
sich um 1900 mit dem Ziel der Konservierung des Vorhandenen gründen, liegt
eine Vorstellung von Heimat als sowohl in ökologischer als auch kultureller
Hinsicht gefährdetem Raum zugrunde. Die 'Wende' von 1989 hat die Heimat vor
allem als ein Regionalitätsbewußtsein hervorgebracht, das in der
Bundesrepublik bereits ab den 70er verstärkt zu beobachten war und in den
'area studies' ihre wissenschaftliche Aufarbeitung erfährt. Neben der Heimat
als konkretem Raum ist damit auch die Heimat als Kulturraum angesprochen und
kann bezüglich der Ordnungsmechanismen befragt werden. Die Dichotomisierung
der Verhältnisse im 19. Jahrhundert, die in einer umfassenden Unterscheidung
zwischen dem Eigenen und dem Fremden mündet, artikuliert sich in
Identitätskonzepten wie eben dem der Heimat; dabei sind sowohl räumliche,
kulturelle, politische als auch 'kulturgeographische' und
identitätspolitische Dimensionen in diesen Konzepten subsumiert. Entgegen
aller 'inter-',
'multi-', oder 'trans-'Konzepte scheinen diese eindeutigen Zuordnungen bis
heute nichts an ihrer Wirkmächtigkeit verloren zu haben. Die Erfahrungen von
Exil und Migration und die kulturellen Reflexe darauf führen die Kategorien
von Raum und Kunst in der Frage nach den Orten, Verortungen oder 'Heimaten'
der Kultur zusammen. Die post-colonial-studies (Homi K. Bhabha u.v.a.;
jüngst Neil Lazarus) mit den Entwürfen eines 'third space' der Hybridität
sind letztlich nicht ohne deren Abstoßpunkte und Bezugsgrößen wie Heimat,
Identität und Raum zu denken.

(2) Sport als Alltagskultur:
Die Fußball-WM 1990 - und deren Gewinn durch die deutsche Mannschaft -
lieferte einige Impulse für das freudetaumelnde 'nation-building' nach der
Wende, wenngleich dieser Effekt für die Konstituierung eines gesamtdeutschen
Heimatgefühls nicht von Dauer gewesen zu sein scheint. Andererseits hat
nicht nur auf der Ebene der Nation der Sport für die Heimat seine Bedeutung:
bei Olympia 2006 unterhielten einige Bundesländer ihr eigenes Haus (Sachsen
z.B. die 'Casa Sassonia'); auch die bundesländerspezifischen
Medaillenspiegel gehören dazu. Und kaum ein Dorf und wohl kein Stadtteil und
erst recht keine Stadt läßt sich finden, wo nicht irgendwie organisiert
gekickt, gelaufen oder Ski gefahren wird. Welches Identifikationspotential
Sportvereine haben, läßt sich jeden Sonnabend in den großen Fußballarenen
wie auch auf den kleinen Fußballplätzen verfolgen. Sport und -vereine
schaffen ein Regionalitätsbewußtsein, das oft Raumordnungen hervorbringt,
die 'quer' zu den beispielsweise politischen stehen: die Derbys z.B.
zwischen dem 1. FC Nürnberg und Bayern München sind auch immer Derbys
zwischen Franken und Bayern. So entwirft Sport, in kulturwissenschaftlicher
Perspektive, einen faszinierenden Identifikationsraum mit eigenen
Symbolhaushalten, Moden und (politischen) Rhetoriken. Und nicht nur
Fußballvereine (etwa Schalke 04 und Borussia Dortmund) sind Beispiele für
die identitätspolitischen Dimensionen des Sports, deren Anhänger und Fans
immer auch als Heimatsuchende erscheinen.

(3) Literatur und Kunst:
Nicht wenige, die die Popkultur geradezu apriorisch auf Subversivität
festgelegt hatten, rieben sich verwundert die Augen, als sich mit der
Erfolgswelle neuer deutscher Bands wie Mia oder Wir sind Helden
herausstellte, daß nun endlich auch in der Popmusik galt, was in Schlager
und Volksmusik schon lange zum Standard gehörte: daß die deutsche Heimat
ohne schlechtes Gewissen Gegenstand positiver Identifikation werden konnte.
Der Rapper Sido hat mit dem Song Mein Block gleichsam einen spatial turn des
HipHop vollzogen. Texte sind nicht nur als erzählte Ordnung, sondern auch
als ordnende Erzählung zu untersuchen. Sie sind aktive Mitgestalter
historischer Identitätsbildungsprozesse. Romane wie Jana Hensels
Zonenkinder, und vor allem deren Erfolge sind dafür jüngste Beispiele.
Bildende Kunst eignet sich wohl nicht weniger, Heimatbezüge visuell zu
stabilisieren. Wer beispielsweise nach Dresden kommt, wird kaum den
omnipräsenten Bildern Bernardo Belottos, genannt Canaletto, entgehen; der
nach ihm bzw. seinen Bildern benannte Blick ist ein 'Muß' für jeden
Dresden-Besucher. Auch Filme sind an Heimatkonstruktionen beteiligt: die
Heimatfilme der 50er Jahre, die gegen die politischen Verwerfungen der
Vergangenheit und die ökonomischen Unsicherheiten der Gegenwart eine
intakte, von allen Zumutungen der Zeit anscheinend unbeeindruckte Welt
setzten ebenso wie - wenn auch auf ganz andere Art und Weise - Edgar Reitz'
mehrteiliges Filmepos oder auch die (dokumentar)filmische
Langzeitbeobachtung der "Kinder von Golzow".


Formalia

Für die Bewerbung senden Sie bitte sowohl ein Abstract für einen
Abendvortrag (max. 5000 Zeichen) als auch für einen Diskussionsbeitrag für
die internen Workshoprunden (max. 2500 Zeichen) ein. Die Beiträge für die
Workshoprunden und die Abendvorträge können durchaus thematisch identisch
seien, aber wir würden darum bitten, daß jeweils unterschiedliche
Problemhorizonte avisiert werden. Beiträge und Bewerbungen ausländischer
Interessenten sind ausdrücklich willkommen. Die Reise- und
Übernachtungskosten werden bei Genehmigung der beantragten Förderung
übernommen. Eine Publikation ist geplant, kann aber nicht zugesagt werden.
Weitere Informationen unter www.riesa-efau.de/forum.
Bitte senden Sie die Bewerbungen und einen tabellarischen Lebenslauf per
email bis zum 01.06.2006 an unten stehende Adressen.

ddgun@yahoo.com
oliver.geisler@gmx.net

Gunther Gebhard, Oliver Geisler, Steffen Schröter, Valentin Steinhäuser

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Verknüpfte Ressourcehttp://www.riesa-efau.de/forum/elemente/cfp_heimat.pdf
VeranstaltungsortDresden
Bewerbungsschluss01.06.2006
Beginn22.11.2006
Ende26.11.2006
PersonName: Geisler, Oliver 
E-Mail: oliver.geisler@gmx.net 
KontaktdatenName/Institution: Kulturverein riesa efau 
Strasse/Postfach: Adlergasse 14 
Postleitzahl: 01067  
Stadt: Dresden 
Telefon: +49 (0)351 866 02 11 
Fax: +49 (0)351 866 02 12 
E-Mail: veranstaltungen@riesa-efau.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteratur- u. Kulturgeschichte; Literaturtheorie: Themen
Zusätzliches SuchwortPost-Colonial-Studies
Klassifikation19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.09.00 Stoffe. Motive. Themen
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