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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Lesen und Verwandlung"
RessourcentypCall for Papers
TitelLesen und Verwandlung
BeschreibungCFP Lesen und Verwandlung

Ruhr-Universität Bochum
Germanistisches Institut
DoktorandInnentagung
29./30. April 2010


Lektüren fallen ins Vergessen oder schreiben sich ins Gedächtnis ein. Nachts findet man ihre Spuren in Träumen, tags in Gesprächen und im Handeln. Sie münden in Emotionen, Wissen und Ideen jedes Einzelnen und haben die Macht, zu verwandeln. Sie schlagen sich nieder in neuen Texten, wenn professionelle LeserInnen, seien es DichterInnen oder WissenschaftlerInnen, schreiben. Die DoktorandInnenkonferenz möch-te die Aufmerksamkeit auf ein Feld von Phänomenen unserer Schriftkultur richten, auf dem sich die kulturelle Praxis Lesen mit dem Thema der Verwandlung berührt. Das Themenfeld Lesen und Verwandlung soll unter den Schwerpunkten Kulturtechnik, Motivik, produktive Rezeption und Theorie befragt werden.


Kulturtechnik
Unter dem Schwerpunkt Kulturtechnik soll es um normierende Ver-wandlungen im Anschluss ans Lesen und Zu-Lesen-Geben gehen. Para-digma hierfür ist die christliche Autobiographie. In den Confessiones des Augustinus ist die Bekehrung (lat. conversio und mutatio) strukturell ans Lesen gekoppelt: Das reicht von den Berichten von Konversionen anderer römischer Beamter und Würdenträger bis zum „Tolle lege; tolle lege“ („Nimm es, lies es; nimm es, lies es!“) in der berühmten Gartenszene. Und indem der Kirchenvater seine Bekenntnisse zu lesen gibt, will er auch bei seinen (römischen) Lesern den Eifer entfachen, es den schon Verwandelten nachzutun (Struktur der imitatio). Das verwandelnde Lesen dient hier dem Herstellen einer Art genealogischer Ordnung, einer Kette von Verwandlungen und zielt auf die kulturelle Transformation des Imperiums. Und im Bußkampf, der schließlich mit dem „Tolle, lege“ entschieden wird, zeigt sich, dass es dabei auch um die grundlegende Differenz von ‚bestialischem‘ und ‚richtigem‘ Leben, von ‚Tier‘ und ‚Mensch‘ geht. Lesen ist also Kulturtechnik der verwandelnden Zähmung bzw. Züchtung. Diese Kulturtechnik wirkt bis weit in die Moderne hinein fort und ist keineswegs auf die Stiftung einer christlichen Gesellschaft begrenzt. Man sieht sie am Werk, wenn z. B. aus den Plutarch-Lektüren des kleinen Jean-Jacques der später Rousseau so auszeichnende „republikanische Geist“ entsteht oder wenn Herder ein „Athanasium“ der Deutschen vorschlägt. Sie wirkt womöglich auch noch, wenn man sich von der Struktur der imitatio oder der Identifikation abgrenzt und dagegen Sperren errichtet. – In dieser Hinsicht sind Beiträge erwünscht, die dem Zusammenhang von Lesen und Verwandlung für die Stiftung von Gesellschaften nachgehen, seien es religiöse, republikanische, nationale etc. Und nicht nur die Stiftung, sondern auch die Reproduktion solcher Gesellschaftsformen durch das Auslegen von Klassikern interessiert, sofern dabei ein Zusammenhang von Lesen und Verwandlung zu beobachten oder begrifflich im Spiel ist.


Motivik
Für eine motivische Betrachtung müssen innerfiktionale Aspekte be-leuchtet werden. Denkbar sind hier Konversionen fiktionaler Charaktere nach Leseerfahrungen. Eine innerfiktionale Verwandlung durch Lektüre zeigt sich beispielsweise in Mary Shelleys Frankenstein von 1818. Das Monster findet eines Tages im Wald eine Tasche voller Bücher: Miltons Das verlorene Paradies, Plutarchs Große Griechen und Römer und Goethes Die Leiden des jungen Werther. Die Lektüren verwandeln das Monster maßgeblich: Sie rühren es zu Tränen, lassen es das Konzept von Mitleid verstehen, bringen ihm Ehrgeiz bei und machen es demütig gegenüber dem ‚allmächtigen Gott‘. Durch das Lesen verwandelt sich das Monster in ein ‚gefühlvolles Individuum‘. Oft sind Verwandlungen strukturell an das Lesen gekoppelt. So ist es z. B. in Cervantes’ großem Roman die Lektüre der unzeitgemäß gewordenen Ritterbücher, die aus dem Landjunker Alonso Quijano den Ritter von der traurigen Gestalt werden lässt, ein Motiv, dessen sich in der Folge viele Don Quijotiaden bedient haben. Nicht von ungefähr wird Lesen in dystopischen Romanen (Orwell, 1984; Bradbury, Fahrenheit 451) vom Staat als Bedrohung angesehen, da es die Verwandlung des funktionierenden Teils des totalitären Systems zum denkenden Individuum zur Folge haben müsste. In dieser Hinsicht sind Beiträge erwünscht, die einen Zusammenhang von Lesen und Verwandlung als motivisches Gestaltungsmerkmal untersuchen.


Produktive Rezeption
Unter dem Aspekt der produktiven Rezeption könnten beispielsweise an Rezeptionsvorgänge anschließende Text-Verwandlungen, Gattungsformationen oder auch an vorauslaufende Lektüre gebundene intertextuelle Neukonstellationen thematisiert werden. Peter Weiss’ Lektüre der Prozessberichte zu den Frankfurter Auschwitz-Prozessen etwa initiiert einen Produktionsprozess, in dessen Verlauf das gelesene Faktenmaterial in die dramatische Gestalt der Ermittlung verwandelt wird, die sich ihrerseits als intertextuelle Referenz zu Dantes Divina Commedia aufstellt und als Dokumentarstück die Transformation faktualer Stoffe in die dramatische Gestalt eines Bühnenkunstwerks leistet. Unter dem Stichwort „produktive Rezeption“ wäre ebenso danach zu fragen, inwiefern die Rezeption von Kunstwerken als solche immer schon ein Akt des Verwandelns und Neuschaffens ist: Als Rezipient ist der Künstler aktiv an der Sinnkonstituierung eines bestehenden ästhetischen Gebildes beteiligt, indem er gleichsam das Material des Kunstwerks den unterschiedlichen, von ihm verfügbar gehaltenen Leerräumen anverwandelt, um daraufhin in einem Produktionsakt ein eigenes Werk zu schaffen, in das wiederum das urs-prünglich rezipierte eingeht. Christoph Ransmayrs Die letzte Welt bei-spielsweise ließe sich unter diesem Gesichtspunkt als Verwandlung der Ovidischen Metamorphosen in die Gestalt eines postmodernen Romans untersuchen, der seinerseits als intertextuelle Neuschöpfung dem Ver-fahren produktiver Rezeption entspringt. In dieser Hinsicht sind Beiträge erwünscht, die Produktion und Rezeption als zwei Vermögen untersuchen, deren Verbindungsmoment als Verwandlungsphänomen erfasst werden kann.


Theorie
Der Lesevorgang ist in verschiedenen Epochen unterschiedlich be-schrieben worden, jedoch erweist sich der Topos Verwandlung als bemerkenswert konstant. Schleiermacher etwa bestimmt die „divinatorische“ Methode der Auslegung als diejenige, „welche, indem man sich selbst gleichsam in den anderen verwandelt, das Individuelle unmittelbar aufzufassen sucht“. Und die romantische Obsession für das Verhältnis von Buchstabe und Geist ist eine für Verwandlungen, wie sich etwa in Schlegels Diktum andeutet: „Buchstabe ist fixirter Geist. Lesen heißt, gebundnen Geist frei machen, also eine magische Handlung.“ Bei den Romantikern sind es das „Individuelle“, die „Eigentümlichkeiten“ oder der „Geist“, was bei Lesen verstanden bzw. hervorgebracht und produziert wird. In dieser Hinsicht sind Beiträge erwünscht, die den Topos von Lesen und Verwandlung untersuchen. Nachgegangen werden sollte dabei auch den Fragen, was Resultat bzw. Produkt der Verwandlung (z. B. „Geist“), und was Ausgangspunkt (z. B. „Buchstaben“) ist. Nach welchem Algorithmus, nach welcher Logik oder A-Logik vollzieht sich Verwandlung? Ausgehend von diesen Fragen interessieren besonders Bestrebungen, die sich von der Politik der imitatio wie auch der romantischen Geistfabrikation absetzen, indem nicht länger das Resultat der Verwandlung von Bedeutung ist, sondern das Verwandeln selbst (vgl. Deleuze und Guattari über „Werden“).


Die Tagung richtet sich an DoktorandInnen. Es sind insbesondere interdisziplinäre, komparative und epochenübergreifende Perspektiven erwünscht. Die Abstracts zu den Vorträgen, die jeweils 20 Minuten umfassen sollten, dürfen aus maximal 2500 Zeichen bestehen. Sie können bis zum 31. Januar 2010 an die E-Mail-Adresse lesenundverwandlung@rub.de gesendet werden. Achten Sie darauf, den Abstract als kompatibles Word-Dokument anzuhängen. Weitere Informationen finden Sie unter: http://homepage.rub.de/lesenundverwandlung

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBochum
Bewerbungsschluss31.01.2010
Beginn29.04.2010
Ende30.04.2010
PersonName: Aymaz, Asli 
E-Mail: lesenundverwandlung@rub.de 
KontaktdatenName/Institution: Ruhr-Universität Bochum, Germanistisches Institut 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLeserforschung
Klassifikation05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.11.00 Stoffe. Motive. Themen
Ediert von  H-Germanistik
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