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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Mythos in theoretischen und literarischen Diskursen"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelMythos in theoretischen und literarischen Diskursen
BeschreibungInterdisziplinäre Tagung am Freiburg Institute for Advanced Studies

Diskurse über Mythos bilden eines der zentralen Felder, auf dem Funktionen des Literarischen formiert werden. Seit der Antike fungiert der Mythosbegriff dabei als prominente Leitvokabel, um Schnittstellen zwischen Formen und Funktionen von ›Präsenz‹ und ›Repräsentation‹ zu produzieren, zu reflektieren und zu verschieben. Hatte z.B. Platon die Verlässlichkeit literarischer Repräsentation unter dem Titel ›Mythos‹ grundsätzlich in Zweifel gezogen, so wendet Aristoteles den Mythosbegriff zum positiven poetischen Grundbegriff, um die mimetische Organisation von Wirklichkeit durch Dichtung zu beschreiben. Mittelalterliche Überlieferungen und Theorien schreiben Mythen zumeist den brisanten Repräsentationscharakter uneigentlicher Rede zu (integumentum, narratio fabulosa), deren Sinn erst zu dechiffrieren sei – und kultivieren eine hermeneutische Praxis, die noch die Mythensammlungen und Analysen Francis Bacons oder Giambattista Vicos prägt. Präsenz und Repräsentation bilden eine spannungsvolle und produktive Leitunterscheidung auch für Mythoskonzeptionen der Moderne, die über engere Begriffe des Literarischen hinaus gehen: für Freuds Re-Lektüren griechischer Mythen als Repräsentationen latenter Triebstrukturen ebenso wie für die strukturalistischen Mythenanalysen Lévi-Strauss’, die programmatisch zwischen präsenzhaften Tiefenstrukturen und wandelbaren Repräsentationen von narrativen Oberflächen unterscheiden; für Hans Blumenbergs viel beschworenes Konzept einer ›Arbeit am Mythos‹, demzufolge übermächtige Präsenzerfahrungen von Wirklichkeit mittels Repräsentation im Akt des Erzählens gebannt würden, wie für René Girards Assoziation von archaischen Mythen, Mimesis und Gewalt oder für jüngste Versuche, ›alttestamentarische Mythen‹ als Erzähl-Spuren von ›presence cultures‹ (Hans Ulrich Gumbrecht) zu beschreiben.
Mythosdiskurse bergen so bis in die Gegenwart hinein Verheißung und Aporie zugleich: die Verheißung, in Mythen oder Mythischem an Präsenzen unmittelbar teilhaben zu können – und die Aporie, mit dem Repräsentationscharakter von Mythen immer schon durch literarische Transformation, narrativen Abstand oder andere Arten der Verschiebung von Quellen der Bedeutsamkeit entfernt zu sein.
Dieser Aspekt der heterogenen und produktiven Geschichte europäischer Mythosdiskurse ist bisher kaum erschlossen. Die Tagung gilt daher dem Versuch, hierzu Beschreibungsmöglichkeiten am Leitfaden zweier komplementärer Fragen zu entwickeln:

(I.) Wie unterscheiden literaturwissenschaftliche, ethnologische, anthropologische, psychologische oder philosophische Mythostheorien zwischen Präsenz und Repräsentation – und inwiefern formieren sie dadurch die Wahrnehmung und/oder Produktion literarischer Mythen?

(II.) Wie operieren literarische Texte, die als mythisch, mythopoetisch oder als Werke einer Mythosrezeption gelten, mit der Unterscheidung von Präsenz und Repräsentation – und inwiefern verhandeln, problematisieren oder prägen sie damit Diskurse, die Mythos theoretisch reflektieren?

Anhand dieser Leitfragen ist zu untersuchen, inwiefern Mythosdiskurse zugleich Funktionsweisen etablieren oder verändern, die in ihren jeweiligen (historischen) Kontexten als spezifische Merkmale ›literarischer Kommunikation‹ diskutiert werden: z.B. Wirklichkeit distanzieren, reorganisieren oder symbolisieren zu können; vorbegriffliche Reflexion einleiten zu können; Kontingenz für psychische Systeme zu reduzieren und Modelle sozialer Problembildung und -lösung zu bieten; performative oder habitualisierende Kraft zu entfalten; Quasi-Wirklichkeiten zu erzeugen oder Potentiale des kulturellen Gedächtnisses zu bilden. Zahlreiche Mythostheorien verstehen sich ausdrücklich als Theorien, die grundlegende Spannungsverhältnisse von Aisthesis und literarischer Poetik beschreiben – von Platon und Aristoteles bis zu Clemens Lugowski und Blumenberg. Die weitergehende Frage der Tagung lautet daher:

(III.) Inwiefern prägen Mythosdiskurse die Wahrnehmung von literarischer Kommunikation überhaupt?

Nicht was Mythos schlechthin ist, gilt es somit zu klären – die Vielfalt von Mythosdiskursen unterläuft eine essentialistische Fragestellung von vornherein. Zu erhellen sind vielmehr Konstellationen von Präsenz und Repräsentation in Mythosdiskursen, die zugleich Funktionen des Literarischen profilieren. ›Mythos‹ – so die Arbeitshypothese der Tagung – könnte zentraler Begriff einer bisher nur ansatzweise erforschten Geschichte des Literarischen und seiner Reflexion sein, die seit je in disziplinenübergreifendem Rahmen geführt wird. Welche Möglichkeiten bietet diese Geschichte für eine kulturwissenschaftlich geöffnete Literaturwissenschaft, die systematische Frage nach Funktionen von Literatur transdisziplinär neu zu stellen?

Gäste sind herzlich willkommen.


Programm der Tagung:

Freitag, 27. November 2009

14.15-15.00 BENT GEBERT / UWE MAYER: Eröffnung und Einführung

15.00-15.45 BERNHARD ZIMMERMANN (Gräzistik, Freiburg i.Br.): Wie kommt der Mythos in die Tragödie? Überlegungen zum Ursprung der griechischen Tragödie

15.45-16.30 TOBIAS KEILING (Philosophie, Freiburg i.Br.): Praxis, Mythos, Mimesis. Zur Verbindung von Mythos- und Literaturtheorie bei Aristoteles und Hans-Georg Gadamer

17.00-17.45 WOLFRAM ETTE (Vergleichende Literaturwissenschaft, Chemnitz /
Bielefeld): Wiederholen – Erinnern – Durcharbeiten. Präsenz und Repräsentation in Ovids Metamorphosen

Öffentlicher Keynote-Vortrag I im FRIAS-Hörsaal:
18.00-19.00 ANNETTE SIMONIS (Allgemeine und Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft, Gießen): Mythische Repräsentationen als literarische Reflexionsformen. Aspekte der neuzeitlichen
Mythenrezeption im Medium der Literatur


Samstag, 28. November 2009

9.00-9.45 BENT GEBERT (Germanistische Mediävistik, Freiburg i.Br.): Wissensordnungen, Wissbares und das Unbehagen der literarischen Repräsentation. Gibt es einen mittelalterlichen Mythosdiskurs?

9.45-10.30 BJÖRN REICH (Germanistische Mediävistik, Göttingen): Die Präsenz des Mythos in der Zahl. Der Trojaroman Herborts von Fritzlar und die Evidenz des Erzählens

11.00-11.45 ANNA-MARIA HARTMANN (Anglistik, Cambridge): Von der Repräsentation zur Präsenz. Francis Bacon und die Fabel als Dichtung

11.45-12.30 SELMA JAHNKE (Germanistik, Berlin): „Es ist!“ Evidenz als Leitkategorie in Karl Philipp Moritz’ theoretischen Texten zu Kunst, Mythos und Psychologie

14.00-14.45 STEFAN MATUSCHEK (Vergleichende Literaturwissenschaft, Jena): Mythologisieren. Der doppelte Bezug zum Mythos als produktives Muster der Geschichtsrepräsentation

14.45-15.30 CAROLINE KRÜGER (Germanistik, Freiburg i.Br.): Mythosrepräsentation und Präsenzeffekte in Richard Wagners Ring des Nibelungen und seinen Inszenierungen

16.00-16.45 ANTONIA EDER (Germanistik, Genf): Hofmannsthals Pakt mit dem Mythos. Figurationen des Scheiterns zwischen Repräsentation und Präsenz

16.45-17.30 ANJA SCHAAF (Philosophie/Germanistik, Hamburg): Mythisches Denken in der klassischen Moderne. Cassirers kulturphilosophische Perspektive und Prousts literarische Praxis

Öffentlicher Keynote-Vortrag II im FRIAS-Hörsaal:
18.00-19.00 ROBERT SEGAL (Religious Studies, Aberdeen): The turning away from science. Changing conceptions of myth over the past two centuries


Sonntag, 29. November 2009

9.00-9.45 CHRISTIAN VOLLER (Kulturwissenschaften, Frankfurt/O.): "Die Mythe belehrt uns über manches, das die Wissenschaft vergessen hat." Zur Funktion der griechischen Mythologie in Friedrich Georg Jüngers Technikkritik

9.45-10.30 THOMAS ZENETTI (Germanistik, Mulhouse): „Eine Maschine, an die immer neue Maschinen angeschlossen werden können“. Mythos zwischen Präsenz und Repräsentanz in Heiner Müllers Drama Zement

11.00-11.45 UWE MAYER (Anglistik, Gießen): „Beyond retelling“. Narrative Ko-Präsenz und das Problem der Repräsentation in den englischsprachigen Romanen der Canongate Myths-Reihe (2005–
2007)

11.45-12.30 ANNE KEßLER (Indologie, Göttingen): "Unsterbliche Bildergeschichten". Zur Repräsentation indischer Götter- und Heldenerzählungen in den Comics der Amar Chitra Katha

12.45-13.30 Abschlussdiskussion


Kontakt:
Bent Gebert
E-mail: bent.gebert@germanistik.uni-freiburg.de
Web: http://www.frias.uni-freiburg.de/lang_and_lit/veranstaltungen/mythos-lili

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortFreiburg im Breisgau
Beginn27.11.2009
Ende29.11.2009
PersonName: Bent Gebert 
Funktion: Veranstalter / Ansprechpartner 
E-Mail: bent.gebert@germanistik.uni-freiburg.de 
KontaktdatenName/Institution: Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) 
Strasse/Postfach: Albertstr. 19 
Postleitzahl: 79104 
Stadt: Freiburg i.Br. 
E-Mail: bent.gebert@germanistik.uni-freiburg.de 
Internetadresse: http://www.frias.uni-freiburg.de/lang_and_lit/veranstaltungen/mythos-lili 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur- u. Kulturgeschichte; Literaturtheorie: Themen
Zusätzliches SuchwortMythos
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.06.00 Literaturtheorie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/11158

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