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Ergebnisanzeige "Literatur der Archäologie. Materialität und Rhetorik im 18. und 19. Jahrhundert"
RessourcentypCall for Papers
TitelLiteratur der Archäologie. Materialität und Rhetorik im 18. und 19. Jahrhundert
BeschreibungLITERATUR DER ARCHÄOLOGIE
Materialität und Rhetorik im 18. und 19. Jahrhundert

Forschungstagung an der Universität zu Köln, 29. und 30. Juli 2010

Seit der Einführung der Metapher von der „Archäologie des Wissens“ durch Michel Foucault hat die jüngere Forschung wiederholt versucht, den Begriff der Archäologie für eine allgemeine Kulturtheorie nutzbar zu machen (siehe etwa J. Hengst: Ansätze zu einer Archäologie der Literatur, 2000). Andererseits musste sich wie alle Kulturwissenschaften das Fach Archäologie mit dem prägenden Einfluss sprachlich-literarischer bzw. rhetorischer Verfahren auf die Gewinnung und Formulierung von Erkenntnissen auseinandersetzen, auf den vor allem seit den Publikationen von Hayden White (für die Geschichtsschreibung) immer wieder hingewiesen wurde und der die Archäologie umso mehr berührt, als zu Anfang jeder archäologisch-wissenschaftlichen Erkenntnis eine Beschreibung der Befunde steht.
Die Tagung hat sich zum Ziel gesetzt, auf Grundlage dieser Ansatzpunkte Untersuchungsfelder für das Verhältnis von Literatur und Archäologie abzustecken, welches bereits im 18. Jh. thematisiert wurde (z. B. J. J. Eschenburg: Archäologie der Literatur und Kunst, 1787). Über eine thematisch bewusst weit gefasste Auswahl an Beispielen sollen aus den Blickwinkeln der Fächer Archäologie und Germanistik Veränderungen und Persistenzen in der Erschließung der Antike deutlich werden, die ebenso in der dichterischen Transformation wie auch den wissenschaftlichen Texten ablesbar sind.

Das zu zeichnende Spannungsfeld umfasst ausgehend von einer theoretisch orientierten Bestimmung des Begriffes Archäologie zum einen die Thematisierung der Archäologie in dichterisch-literarischen Werken (Entdeckung der Antike durch Grabungen, Figur des Archäologen, Bezüge auf antike Denkmäler in Lyrik und Prosa etc.), zum anderen Literatur als Quelle archäologischer Tätigkeit und als Medium der Formulierung und Systematisierung generierter Wissensbestände bzw. intersubjektiver Diskursivität (rhetorische Verfahren innerhalb der Archäologie, Strategien der Überzeugung etc.).

Die Tagung will auf diese Weise anhand konkreter Fallbeispiele theoretische Begrifflichkeiten erproben und gezielt neue Diskursfelder erschließen. Dies erscheint für die Zeitspanne des 18. und 19. Jahrhunderts als besonders vielversprechend, da diese eine Umbruchphase von den Bemühungen der gelehrten Antiquare und Ästhetiker bis hin zu den methodisch reflektierten und akademisch spezialisierten Disziplinen darstellt und zu fragen ist, ob und wie dadurch auch das Verhältnis von Archäologie und Literatur neu verhandelt werden musste.

Bedingt durch die skizzierten Fragen sind folgende Sektionsbereiche für die Tagung vorgesehen:
1. Theoretischer Prolog: Archäologie als Metapher in den Kulturwissenschaften
2. Archäologie in der (fiktionalen) Literatur
3. Literarische Verfahren in der Archäologie

Die Tagung richtet sich insbesondere an jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (v.a. Graduierte und Promovierte) aller Disziplinen. Bewerbungen können bis zum 14. Dezember 2009 per Email an die Organisatoren eingereicht werden. Kriterien für die Auswahl sind neben methodischer, argumentativer und stilistischer Deutlichkeit vor allem der Bezug auf einen der drei Sektionsbereiche sowie eine ausgewogene Fächerrepräsentanz. Für die Übernahme von Reisekosten ist die Beantragung von Zuschüssen geplant, eine Veröffentlichung der Konferenzbeiträge wird angestrebt.

Organisatoren:
Jan Broch M.A., Institut für deutsche Sprache und Literatur I (Email: jan.broch@uni-koeln.de)
Dr. Jörn Lang, Archäologisches Institut (Email: joern.lang@uni-koeln.de)

Theoretischer Prolog: Archäologie als Metapher in den Kulturwissenschaften

Seit den Forschungen Michel Foucaults hat der Begriff der Archäologie in metaphorischer Übertragung eine breite Wirkung in allen Kulturwissenschaften erfahren. Die Beiträge dieser Sektion sollen die entsprechenden Forschungen nun mit der Möglichkeit einer zumindest vorläufigen Bilanzierung reflektieren und so herausarbeiten, welche Perspektiven diese Metapher für die Gewinnung und Formulierung kulturwissenschaftlicher Forschung eröffnet, aber auch welche Problematik eine Übertragung des Begriffes der Archäologie auf die Verfahren anderer Kulturwissenschaften, vor allem der textuell basierten Literaturwissenschaften, bergen kann: Führt die Verwendung der Metapher zu neuen Forschungserkenntnissen oder verstellt die Referenz auf die grundsätzlich auf materielle Hinterlassenschaft hin orientierte Archäologie eher die spezifischen Erkenntnismöglichkeiten der Textwissenschaften? Oder weist sie dem Begriff der Archäologie nur einen (älteren?) weiteren Bedeutungsumfang zu, der in ihm strukturell angelegt ist? In diesem Zusammenhang sind entsprechende Text-Begriffe zu diskutieren und auch zurückzuwenden auf die Disziplin(en) der Archäologie selbst: Sind vielleicht deren Objekte nur als Texte zu beschreiben bzw. lesbar zu machen? Wäre dementsprechend das Verfahren der archäologischen (Aus)grabung als ein über Fachgrenzen hinausreichendes grundständiges kulturelles (anthropologisches?) bzw. kulturwissenschaftliches Verfahren zu verstehen, das der Herausbildung der eigentlichen akademischen Disziplinen der Archäologie sogar schon vorausgeht?


Bereich 1: Archäologie in der (fiktionalen) Literatur

Archäologie war und ist bestimmt durch konkrete Objekte/ Befunde und methodische Verfahren zu deren Systematisierung (z. B. das Erkennen spezifischer Formen), damit auch durch die Personen, die Instrumente der Mustererkennung weiterentwickelten und darüber wieder neue Objektgruppen erschlossen. Untersuchungsgegenstände und Personen entfalteten über das Fach hinausgehende gesellschaftliche Strahlkraft (vgl. etwa die breite Rezeption der Ausgrabung der Vesuvstädte ab dem 18. Jh., die in Edward Bulwer-Lyttons The Last days of Pompeji von 1834 sinnfälligen Niederschlag fand) und ist damit auch im literarischen Schaffen unterschiedlichster Epochen präsent. So ist eine literarische Rezeption und Transformierung materieller archäologischer Hinterlassenschaft nicht nur in den zahlreichen Beschreibungen der Reiseliteratur des 18. und 19. Jh.s, sondern in verschiedensten belletristischen Prosatexten und Gedichten erhalten.
Die literarische Produktion kann dabei zum einen als unmittelbare Reaktion auf konkrete Sachverhalte verstanden werden, indem etwa explizit auf bestimmte Bildwerke bezug genommen wurde und diese damit die Ursache literarischen Schaffens waren. So bemerkte Francesco Algarotti in einem Brief von 1758: „Non ci è sistema, starci per dire, di moderno autore, e sia quanto si vuole contro all’arte, che non abbia il suo tipo nelle reliquie del superbo impero“ („Es gibt, sozusagen, kein System eines modernen Autors, und sei er noch so gegen die Kunst, das nicht sein Vorbild in den Hinterlassenschaften des höchsten Imperiums hätte“). Für das 18. Jh. ist hier etwa Wilhelm Heinses Künstlerroman Ardinghello und die glückseeligen Inseln (1787) zu nennen, in dem zahlreiche antike Skulpturen beschrieben werden. Für das 19. Jh. ist zu denken an Friedrich de la Motte Fouqués Der Sterbende Fechter (1822) oder Ferdinand Gregorovius’ 1858 erschienene Dichtung Euphorion, die letztendlich auf dem Fund eines bronzenen Kandelabers in Pompeji beruht.

Neben den Objekten wurden die mit der Archäologie verbundenen Personen im literarischen Œuvre verschiedener Epochen reflektiert. So fand bereits im 18. Jh. der Typus des gelehrten Antiquars als umfassender Sammler Niederschlag im Werk Carlo Goldonis, welcher ihm mit seinem Stück La famiglia dell’antiquario (1750) eine ganze Komödie widmete. Insbesondere die historisch wie symbolisch wirkmächtige Stiftungsfigur Johann Joachim Winckelmann ist als beliebte Figur in der späteren Literatur rezipiert worden, und zwar nicht nur in der diskursiven (vgl. Goethes frühe Monographie, später Carl Justis Biographie Winckelmann und seine Zeitgenossen, 1866-1872), sondern auch häufig in der fiktionalen Literatur (etwa Amely Böltes Winckelmann oder: von Stendal nach Rom, 1861).
Objekte wie auch Personen bieten perspektivische Ansatzpunkte, um das Verhältnis von Archäologie und Literatur hinsichtlich deren jeweiliger Materialität auszuloten, sind doch erst vor dem Hintergrund konkreter Fallbeispiele auch Fragen nach der literatursystematischen Transformation von Objekten und Personen möglich. Insbesondere die kontinuierlichen Prozesse des Umschreibens von Antike sind dabei als Oszillieren der Bedeutung zu verstehen – von antiker Hinterlassenschaft als im 18. Jh. auch im Sinne staatlicher Repräsentation vielfach beschworenem Vorbild bis zu ihrer Anfang des 20. Jh.s zunehmenden dezidierten Ablehnung –, deren Persistenzen und Dynamiken strukturell noch unzureichend erschlossen sind.


Bereich 2: Literarische Verfahren in der Archäologie

Der hohe Anteil deskriptiver Verfahren als Instrument des Erkenntnisgewinns in der archäologischen Forschung lässt den – häufig implizit angewandten – rhetorischen Verfahren in den Texten große Bedeutung zukommen, nicht aber nur als Ziel einer möglichst homogenen und rational nachvollziehbaren Systematisierung kultureller Phänomene bzw. Fragmente, sondern auch als Ausgangspunkt der archäologischen Suche selbst. Warum entstehen überhaupt Ausgrabungen, wenn nicht zur Erweiterung vor allem textuell tradierter Wissensbestände? Lange Zeit wurden sie als Ergänzung der textuellen Überlieferung durch visuell oder haptisch erfahrbare Objekte angesehen. Dennoch gewann die Archäologie u. a. durch naturwissenschaftliche Methodik und bildwissenschaftliche Ansätze zunehmend die Kontur einer eigenen, spezifisch archäologischen, Geschichtsschreibung, die dann wiederum eine verstärkte Rückwirkung auf die historiographische Einordnung und Interpretation von Texten und das Verfassen von Geschichten innerhalb der allgemeinen Kulturwissenschaften (und deren spezifisch anthropologischer Fundierung) hatte. Letztlich scheint aber auch hier die Grenze einer Deutung im Medium literarischer Verfasstheit schwierig zu überwinden, wenn weiterhin intersubjektive Vermittlung möglich sein soll, deren Ort die Sprache ist.

Es soll daher in diesem Bereich der Tagung konkret die rhetorische Verfasstheit solcher Texte betrachtet werden, in denen Forschungen zur Antike dem Fachpublikum oder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich waren. Dabei kann der Blick zum einen in synchroner Perspektive auf Arbeiten zu unterschiedlichen Forschungsfeldern wie beispielsweise antiker Skulptur oder Vasenmalerei gelenkt werden. In einer diachronen Gegenperspektive könnte auf der anderen Seite gefragt werden, mit welchen rhetorischen Verfahren die Hinterlassenschaft bestimmter antiker Epochen (beispielsweise der archaischen Zeit) im 18. und 19. Jh. bewältigt wurden. Zu untersuchen ist, wie durch literarische Verfahren archäologische Erkenntnisse präsentiert werden und diese ihrerseits auf das Verständnis der materiellen Hinterlassenschaft zurückwirken, d. h. wie beispielsweise materielle Befunde oder sogar schon die Suche nach diesen durch die Anwendung ebensolcher Verfahren strukturiert und reflektiert werden. Dies können paradigmatisch antiquarisch-archäologische Forscherpersönlichkeiten durch zentrale Werke ihres wissenschaftlichen Schaffens verkörpern (etwa J. J. Winckelmann oder A. Furtwängler).

Zentrale Bedeutung bei allen Überlegungen zu dieser Sektion kommt zudem den Einflüssen medialer Wechsel wie der seit der Mitte des 19. Jh.s aufkommenden Photographie zu, welche zunehmend die bis dahin üblichen Zeichnungen und Kupferstiche als Dokumentationsform verdrängte. Denn gerade Photographien setzten das gezeigte Objekt und das betrachtende Subjekt in eine unmittelbar erscheinende Beziehung, wodurch die literarischen Verfahren der Beschreibung und Einordnung eine neue, weniger bedeutsame, Funktion erhalten mussten.

Bewerbungsschluss: 14.12.2009

Kontakt:
Jan Broch (jan.broch@uni-koeln.de)
Jörn Lang (joern.lang@uni-koeln.de)

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortKöln
Bewerbungsschluss14.12.2009
Beginn29.07.2010
Ende30.07.2010
PersonName: Broch, Jan [M. A.] 
Funktion: Koordinator 
E-Mail: jan.broch@uni-koeln.de 
Name: Lang, Jörn [Dr.] 
Funktion: Koordinator 
E-Mail: joern.lang@uni-koeln.de 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur 1700 - 1770; Literatur 1770 - 1830; Literatur 1830 - 1880; Medien- u. Kommunikationstheorie; Rhetorik
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.06.00 Literaturtheorie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.07.00 Ästhetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik > 03.08.03 Dichtung und Kunst; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.10.00 Stilistik. Rhetorik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.12.00 Interpretation. Hermeneutik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.15.00 Literatur und Medien; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.11.00 Stoffe. Motive. Themen; 12.00.00 18. Jahrhundert > 12.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 12.00.00 18. Jahrhundert > 12.12.00 Stoffe. Motive. Themen; 13.00.00 Goethezeit > 13.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 13.00.00 Goethezeit > 13.13.00 Stoffe. Motive. Themen; 14.00.00 Romantik > 14.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 14.00.00 Romantik > 14.11.00 Stoffe. Motive. Themen; 15.00.00 19. Jahrhundert > 15.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 15.00.00 19. Jahrhundert > 15.14.00 Stoffe. Motive. Themen
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