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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Kriegskindheiten und Erinnerungsarbeit"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelKriegskindheiten und Erinnerungsarbeit
BeschreibungKriegskindheiten und Erinnerungsarbeit

Zweite interdiszziplinäre wissenschaftliche Tagung am Zentrum für deutschsprachige Gegenwartsliteratur und Medien (ZGM) an der Universität Zielone Góra (Polen) vom 5 bis 7. November 2009.

Veranstaltungsort: Uniwersytet Zielonogórski
Instytut Filologii German'skiej
al. Woj. Polskiego 71a
65-762 Zielona Góra
tel./fax (068)3283145



Familienpsychologen können empirisch belegen, dass jeder Umzug einer Familie an einen anderen Wohnort vor allem für die Kinder ein belastendes Lebensereignis darstellt, das unter bestimmten ungünstigen Umständen eine Lebenskrise, ja ein Trauma mit negativen Folgen für den weiteren Lebensweg hervorrufen kann. Das ist ein Untersuchungsergebnis, das in Friedenszeiten anhand „geordneter“ familiärer Ortsmobilität gewonnen wurde. Während der Zeit des Weltkrieges II waren nahezu alle Kinder in Europa, und insbesondere auch im besetzten Polen, Opfer von Kriegshandlungen und erzwungener Ortsmigration. Wie haben die verschiedenen Gruppen von Kindern solche Kriegshandlungen und Zwangsmigrationen erlebt, welche körperlichen, psychosozialen und biografischen Beschädigungen haben sie erfahren, welche Bewältigungsmuster haben sie entwickelt, wie erinnern sie sich später im Leben daran und wie – wenn überhaupt – fand diese Erfahrung von Kindern Eingang in das kollektive Gedächtnis der Nachkriegsjahrzehnte bis zur Gegenwart?

Einmal abgesehen von den unmittelbaren Jahren nach dem Krieg hat sich die Forschung diesen Fragen in Bezug auf Kinder kaum gestellt. Es gilt also auf ein Forschungsdefizit aufmerksam zu machen und methodische Wege zur wissenschaftlichen Erschließung des Feldes zu erproben. Seit den 1980er Jahren wurden Methodiken entwickelt, die geeignet erscheinen, sich solchen Fragestellungen im Kontext von Zeitgeschichte erfolgversprechend zuzuwenden. Verwiesen sei auf Verfahren der oral history, auf qualitative sozialwissenschaftliche Verfahren der Rekonstruktion von biografischen Narrativen sowie auf den fortgeschrittenen Stand von historischer, sozialwissenschaftlicher Kindheits-, Biografie- und Lebenslaufforschung. Anknüpfend an die erste bikulturelle Tagung einer deutschpolnischen Forschergruppe, die im März 2006 zum Thema der Kriegskindheiten in Essen veranstaltet wurde, geht es nunmehr darum, das Forschungsfeld insbesondere am Beispiel des besetzten Polen im Weltkrieg II zu vertiefen. Dabei kommt es darauf an, wissenschaftliche Ansätze, die in Polen und in Deutschland seit Anfang der 1990er Jahre entstanden sind, zusammenzuführen. Zudem geht es darum, sechs Jahrzehnte nach dem Kriegsende die Schicksale und Biografien christlich-polnischer, jüdisch-polnischer und deutschpolnischer bzw. deutscher Kindergruppen zu vergleichen, ohne dabei die Täter-Opfer-Fragen zu relativieren. Schließlich wird es darauf ankommen, literarische Zeugnisse als einzigartiges Erinnerungsmedium einzubeziehen, also die Frage zu stellen, auf welche Weise Krieg, Flucht, Vertreibung in der Literatur inszeniert bzw. dargestellt werden. Die Produktivität der Einbeziehung der Literatur bzw. der Literaturwissenschaft
hängt mit der Funktion literarischer Texte zusammen, die Medien des ‚kommunikativen‘ wie ‚kulturellen Gedächtnisses‘ sind. Mit anderen Worten: Literatur bzw. literarische Texte sind erstens ein Medium, über das in Form von narrativen Inszenierungen individuelle und generationenspezifische Erinnerungen für das kollektive Gedächtnis bereitgestellt werden. Insofern kann die Art und Weise der narrativen Inszenierung in literarischen Texten etwas über die in einer Gesellschaft funktionierenden Prozesse der Gedächtnisbildung aussagen. Zum Zweiten werden in literarischen Texten individuelle, generationenspezifische wie kollektive Formen von Erinnerung gewissermaßen ‚abgebildet‘ und damit wiederum beobachtbar. Von daher besteht die Chance, mit der Untersuchung von Texten herauszufinden, welche Erinnerungen – in diesem Fall an Kriegskindheiten – in spezifischen Gesellschaften jeweils bereitgestellt werden und auf welche Weise dies erfolgt. Schließlich ist bei der Frage nach den Erfahrungen von Krieg und Zwangsmigration in der Kindheit wichtig, Kinder nicht nur als Opfer der Kriegsverhältnisse zu betrachten –das waren sie natürlich -, sondern auch als Akteure mit eigenem Willen, die versucht haben, mit der existenziellen Situation umzugehen. Ein solcher Forschungsansatz entspricht auch dem Paradigma der aktuellen sozialwissenschaftlichen und historischen Kindheitsforschung.

Tagungsmethodisch entspricht dem genannten Ansatz, dass neben den wissenschaftlichen Zugängen und Beiträgen gerade auch
Zeitzeugen der Weltkriegskindheiten zu Wort kommen. Entweder persönlich, in Gestalt von mündlichen Erzählungen bzw. autobiografischen Lesungen, oder vermittelt über wissenschaftlich generierte Texte (biografisch-narrative
Interviews). Als besonders wertvoll sind ferner Berichte von Kindern und Jugendlichen anzusehen, die in unmittelbarer Nähe zum Geschehen verfasst wurden (Tagebücher, Briefe, Aufsätze). Die Beiträge werden sich auf alle Gebiete Polens in den Grenzen vor 1945 bzw. nach 1945, aber auch auf Deutschland beziehen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen natürlich die Regionen, in denen Prozesse der zwangsweisen Umsiedlung und Neusiedlung während des Krieges und nach dem Krieg stattgefunden haben. Also beispielsweise Schlesien, Pommern, Masuren, Zamoscz, „Reichsgau Wartheland“.
Im historischen, politischen oder verbandlichen Diskurs werden unter „Zwangsmigration“ gewöhnlich nur Umsiedlungsprozesse ganzer Bevölkerungsgruppen aus bestimmten Territorien thematisiert – beispielsweise die erzwungene Umsiedlung der deutschen Bevölkerung aus Schlesien und die Neuansiedlung einer ostpolnischen bzw. ukrainisch-polnischen Bevölkerung in dieser Region.

Auf der Tagung wird der Begriff breiter gefasst und soll nach Möglichkeit die gesamte Bandbreite von Zwangsmigrationen umfassen, wie sie im 2. Weltkrieg und unmittelbar danach bezogen auf Polen stattfanden und besonders auch Kinder und Jugendliche betroffen haben. Dass angesichts der Vielfalt der genannten Prozesse die Tagung nur einen weiteren Schritt gehen kann, sei vermerkt.

a. Veranstaltungsort/ Kontakt Polen:

Unsere Kontaktadresse meine ich bereits mitgeliefert zu haben. Sie finden sie an diese Mail angehängt (Durchwahl Prof. Gansel: 0641/ 99-29121)

Programm:

Do, 05.11.09

14.00 -- 14.30 Eröffnung
Pawel Zimniak, Imbke Behnken, Carsten Gansel und Friedhelm Boll

14.30 -- 15.15 Prof. Dr. Jürgen Reulecke (Universität Gießen)
Die wiedererfundene Vergangenheit. Der neue deutsche Bewältigungsfilm

15.15 -- 16.00 Prof. Dr. Pawel Zimniak (Universität Zielona Góra)
Kindheit vor Gewehrläufen - Zu literarischen Kinder-Figuren als ,Spielball' der Geschichte

16.00 -- 16.45 Prof. Dr. Friedhelm Boll (Friedrich-Ebert-Stiftung)
Kinder des Weltkrieges als Akteure: die Rolle von Kindern und Jugendlichen bei der Organisation des Überlebens am Kriegsende und den Flüchtlingstrecks am Beispiel von Wolfgang Pellers "Meine fremde Heimat"

18.00 Abendessen

19.00 Autorenlesung und Gespräch


Fr, 06.11.09

9.00 -- 9.45 Prof. Dr. Feliks Tych
Jüdische Kindheiten zwischen Versteck, KZ und Todestransport: "Kinder über den Holocaust"

9.45 -- 10.30 Prof. Dr. Heinrich Kaulen (Universität Marburg)
Faszination des Grauens. Die Ambivalenz der Kriegserfahrung in den Kindheitserinnerungen Thomas Bernhards

10.30 -- 11.15 Dr. Arletta Szmorhun (Universität Zielona Góra)
Trockene Tränen - Zu jüdischen Mädchenschicksalen im 2. Weltkrieg bei Nechama Tec, Alona Frankel und Ruth Klüger

11.15 -- 11.45 Kaffepause

11.45 -- 12.30 Dr. Ingo Eser (Universität Erfurt)
"Schwaches Element": Kinder als Leidtragende von Flucht, Vertreibung und Aussiedlung der Deutschen aus Polen 1944-1949

12.30 -- 13.15 Prof. Dr. Hermann Korte (Universität Siegen)
Kriegskinder in der Danziger Bucht -- Zu Günter Grass Novelle "Katz und Maus"

13.15 -- 14.30 Mittagspause

14.30 -- 15.15 Prof. Dr. Carsten Gansel (Universität Gießen)
"Wir haben nichts gesehen ... Heute weiß ich es" -- Dekonstruierte Kindheitsidyllen im Zeichen des Holocaust in Uwe Johnsons "Jahrestage "

15.15 -- 16.00 Dr. Monika Hernik (Universität Zielona Góra)
"In jedem Gedächtnis gibt es Zellen, die verschlossen sind" - Kriegstrauma und Erinnerung im Werk von Peter Härtling

16.00 -- 16.30 Kaffeepause

16.30 -- 17.15 Dr. Gisela Schwarze (Münster)
Ostarbeiterinnen und ihre Kinder im Zweiten Weltkrieg

17.15 -- 18.00 Prof. Dr. Wieslaw Tomasz Theiss (Universität Warszawa)
Die Deportation ostpolnischer und jüdisch-polnischer Kinder nach Sibirien

18.00 -- 19.30 Abendessen

19.30 Gespräche mit Zeitzeugen
PD Dr. Imbke Behnken, Anna Berezowska: Germanisierung --
Vertreibung aus Warschau/Warschauer Aufstand -- Vertreibung aus Zamos?c?


SA, 07.11.09

9.00 -- 9.45 Nadine J. Schmidt (Universität Siegen)
Authentische Fälschung? Zur literarischen Konstruktion?der Kindheit in Binjamin Wilkomirskis' Holocaust-Autobiographie "Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948"

9.45 -- 10.30 Prof. Dr. Günther Stocker (Universität Wien)
Welt in Trümmern - Robert Neumanns "Die Kinder von Wien"

10.30 -- 11.15 Werner Liersch (Berlin)
Eine deutsche Kriegskindheit zwischen Berlin und Steblów

11.15 -- 11.45 Kaffeepause

11.45 -- 12.30 Prof. Dr. Werner Nell (Universität Halle)
Im Krieg zwischen den Fronten - Im Nachkrieg zwischen den Ideologien: Kindheit und Krieg in Jerzy Kosinskis "The Painted Bird" (1965)

12.30 -- 13.15 Tobiasz Janikowski (Universität Siegen/Katowice)
Kriegskinder in der Literatur und Publizistik Oberschlesiens in den Jahren 1939-45
anschließend Abschlussdiskussion


Kontakt:
Norman Ächtler, M.A.

Justus-Liebig-Universität Gießen
FB05 Sprache, Literatur, Kultur
Institut für Germanistik
Literatur-und Medienwissenschaft

Otto-Behaghel-Straße 10B
Raum 132
35394 Gießen

Tel.: 0641/ 99-29084
E-Mail: norman.aechtler@germanistik.uni-giessen.de



Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortZielona Góra (Polen)
Beginn05.11.2009
Ende07.11.2009
PersonName: Prof. Dr. Carsten Gansel 
Funktion: Veranstalter 
E-Mail: carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de 
KontaktdatenName/Institution: Prof. Dr. Carsten Gansel/ Institut für Germanistik 
Strasse/Postfach: Otto-Behaghel-Straße 10B 
Postleitzahl: 35394 
Stadt: Gießen 
Telefon: 0641/ 99-29121 
E-Mail: carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de 
Internetadresse: http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeErzähltheorie; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literaturdidaktik; Literaturpsychologie; Literatursoziologie; Literaturtheorie: Themen; Motiv- u. Stoffgeschichte
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.14.00 Literatursoziologie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.15.00 Literatur und Medien; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.16.00 Literarisches Leben; 04.00.00 Allgemeine Literaturgeschichte > 04.03.00 Vergleichende Literaturgeschichte; 04.00.00 Allgemeine Literaturgeschichte > 04.06.00 Beziehungen einzelner Völker zur deutschen Literatur; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.07.00 Deutschsprachige Literatur des Auslandes
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
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