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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Im Nirwana der Hyperrealität? Geldwirtschaft zwischen ‚Realökonomie‘ und Fiktionalität"
RessourcentypCall for Papers
TitelIm Nirwana der Hyperrealität? Geldwirtschaft zwischen ‚Realökonomie‘ und Fiktionalität
BeschreibungWorkshop für NachwuchswissenschaftlerInnen während der fächerübergreifenden Konferenz

"Im Nirwana der Hyperrealität? Geldwirtschaft zwischen ‚Realökonomie‘ und Fiktionalität",

Hamburg, 25.-27. Februar 2010

Konferenz und Nachwuchsworkshop finden statt im Rahmen des „Forums Junge Wissenschaft – Akademiekonferenzen junger Wissenschaftler im Jahr 2010“ der Akademie der Wissenschaften in Hamburg.


Erst seit wenigen Jahren gibt es im deutschsprachigen Raum eine umfangreichere Beschäftigung mit dem Verhältnis von Literatur und Wirtschaft, und nun scheint das Thema angesichts der globalen Finanzkrise plötzlich eine ganz unerwartete Aktualität zu erlangen. Dominierten in der Auseinandersetzung mit dem Bereich Literatur und Wirtschaft bis jetzt Beiträge, die das Thema Wirtschaft in der Literatur beleuchteten, so muss sich die Fragestellung vor dem Hintergrund der Finanzkrise deutlich in Richtung Wirtschaft als Fiktion (sprich: Literatur) verschieben (vgl. Henderson 1995). In der Wirtschaftspresse sowie in einschlägigen Publikationen ist von einer ‚Entkoppelung‘ bzw. ‚Verselbständigung‘ der internationalen Finanzmärkte die Rede, von einer ‚Eigenlogik des Monetären‘ in einer „referenzlosen Sphäre der Hyperrealität“ (Pahl 2008: 26). Ein hohes Maß an Formalisierung und Mathematisierung täusche nicht nur über epistemologische Unklarheiten hinweg, sondern sei zudem Ausdruck eines mangelnden Problembewusstseins auf Seiten der Geldwirtschaft und ihren Wissenschaften hinsichtlich der „qualitativen Seinsweise ihrer quantitativen Größen“ (Pahl 2008: 12). Die allgemeine Wirtschaftskrise wird ja nicht ohne Grund als eine Krise der Finanzwirtschaft bzw. des Finanzkapitalismus bezeichnet.
In ihren Versuchen, das Vertrauen von AnlegerInnen und SteuerzahlerInnen zurückzugewinnen, ähneln manche ‚Propheten‘ der Finanzwirtschaft derzeit eher Magiern und Taschentrickspielern auf einem riesengroßen „Casino-Finanzmarkt“ (SZ, 14.10.2008): Da werden Bilanzen entsprechend manipuliert, rote Zahlen in schwarze verwandelt und Defizite damit quasi ‚weggezaubert‘. In dieser Hinsicht entspricht das System der Finanzwirtschaft einer ‚Black Box‘ – man denke an das vielzitierte Bild der „Blase“ –, bei der keiner so recht weiß, was genau die Grundlage der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen ist, „ob die dahinterstehende Kreislaufvorstellung das Geld, die Physis oder beides meint“ (Struck 2001: 155). Selbst die Zahlen, mit denen die Verluste beziffert werden, übersteigen das Vorstellungsvermögen: Der IWF schätzte die weltweiten Verluste durch die Finanzkrise mit gigantischen 1,4 Billionen Dollar, inzwischen ist gar von 4 Billionen Dollar die Rede.
Auch auf einer anderen Ebene wird die ‚Realwirtschaft‘ von der Fiktion eingeholt: Es ist nicht nur eine Zunahme von virtuellen Geldgeschäften zu verzeichnen; auch das reale Geschäft mit virtuellen Gütern im Internet wächst, die Zahl realer Geschäfts-Meetings in der virtuellen Welt des „Second Life“ nimmt zu. Auch im Internet scheint ein neuer Markt mit eigenen ökonomischen Gesetzen zu entstehen. Die Gegenstände, die hier erworben werden, haben (zum Teil) überhaupt keinen Materialwert mehr. Verhält es sich ähnlich mit den Finanzmärkten? Auch ohne die modernen Finanzinstrumente ist die kapitalistische Geldwirtschaft immer zu einem großen Teil virtuell (gewesen): Vermögenswerten, egal ob sie sich auf Sach- oder Finanzwerte beziehen, eignet immer ein gewisses Maß an Virtualität.
Das Verhältnis zwischen Geldwirtschaft und Realität bzw. Realwirtschaft muss vor diesem Hintergrund genauer untersucht und definiert werden. Es wäre zu prüfen und zu diskutieren, inwiefern es in diesem Zusammenhang sinnvoll sein könnte, auf Konzepte aus der Literatur(wissenschaft) zurückzugreifen, um das Verhältnis von Realität und Fiktionalität, von Wirklichkeit und Möglichkeit genauer und auch differenzierter auszuloten. In einem solchen Kontext erlangen auch Begriffe wie „Spekulation“, „Risiko“ und „Vertrauen“ eine ganz neue Bedeutung. Auch die Kunst – insbesondere Literatur und Theater – scheint sich mit diesem Thema intensiver denn je auseinander zu setzen. Das zeigt nicht allein der Versuch der Theatergruppe „Rimini Protokoll“, eine Aufsichtsratssitzung des Daimler-Konzerns als Performance zu begreifen, sondern auch Stücke der Gegenwartsdramatik wie etwa Albert Ostermaiers Stück „Erreger“ (2000) oder Elfriede Jelineks jüngster Theatertext „Die Kontrakte des Kaufmanns“ (2009).

Leitende Fragestellungen:

• Wo liegen mögliche Schnittstellen zwischen Wirtschaft und Fiktion?
• Wo gibt es theoretisch-methodische Ansätze in den Wirtschafts- und Literaturwissenschaften, mit denen sich Phänomene wie der zunehmend virtuelle Geldhandel und die Finanzkrise fassen ließen?
• Welche Rolle spielt die Symbolik und zunehmende Virtualität des Geldes?
• Welche Auswirkungen hat die globale Finanzkrise auf das Konzept des „homo oeconomicus“?
• Auf welche Weise setzen sich literarische Texte mit der Fiktionalität der Finanzwelt auseinander?


Der Workshop ist fächerübergreifend angelegt: Als ReferentInnen möchten wir NachwuchswissenschaftlerInnen aus den Bereichen Wirtschafts- und Finanzwissenschaften, Wirtschaftsanthropologie, Soziologie, Politikwissenschaft und der Literatur- und Kulturwissenschaften einladen, um miteinander das Thema aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu diskutieren.


Zeitpunkt und Ort der Konferenz:

25.–27. Februar 2010 im Warburg-Haus, Heilwigstraße 116, 20249 Hamburg.

Der Nachwuchsworkshop findet statt am Sonnabend, 27. Februar 2010.


Bitte senden Sie einen Titel, ein kurzes Abstract zu Ihrem Vortragsthema und Informationen zur Person bis zum 10. Oktober 2009 an:

Dr. Christine Künzel: ch.kuenzel@freenet.de
PD Dr. Dirk Hempel: dirk.hempel@uni-hamburg.de



Zitierte Literatur:

Henderson, Willie (1995): Economics as literature, London.
Pahl, Hanno (2008): Das Geld in der modernen Wirtschaft, Frankfurt a. M./New York.
Reicher, Maria E. (Hg.) (2007): Fiktion, Wahrheit, Wirklichkeit. Philosophische Grundlagen der Literaturtheorie, Paderborn.
Struck, Bernd (2001): Reale Werte – ein unvermeidliches Artefakt von Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, in: U.-P. Reich/C. Stahmer/K. Voy (Hg.): Kategorien der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, Bd. 3: Geld und Physis, Marburg.

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortHamburg
Bewerbungsschluss10.10.2009
Beginn25.02.2010
Ende27.02.2010
PersonName: Künzel, Christine [Dr.] 
Funktion: Veranstalterin 
E-Mail: ch.kuenzel@freenet.de 
Name: PD Dr. Dirk Hempel 
Funktion: Veranstalter 
E-Mail: dirk.hempel@uni-hamburg.de 
KontaktdatenName/Institution: Universität Hamburg, Institut für Germanistik II 
Strasse/Postfach: Von-Melle-Park 6 
Postleitzahl: 20146 
Stadt: Hamburg 
Telefon: 040/42838-4811 
Fax: 040/42838-3553 
Internetadresse: http://www.slm.uni-hamburg.de/ifg2/index.html 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Erzähltheorie; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literaturtheorie: Themen
Ediert von  H-Germanistik
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