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Ergebnisanzeige "Internationales Symposium: „Nach der Mauer der Abgrund“? Rückblicke auf die Literaturlandschaft DDR"
RessourcentypCall for Papers
TitelInternationales Symposium: „Nach der Mauer der Abgrund“? Rückblicke auf die Literaturlandschaft DDR
BeschreibungInternationales Symposium

„Nach der Mauer der Abgrund“?
CALL FOR PAPERS:

Rückblicke auf die Literaturlandschaft DDR

9.–11. November 2010, Berlin (Literaturforum im Brecht-Haus)


Alle Künste, insbesondere aber die Literatur und Dramatik der DDR, sahen sich nach dem Fall der Mauer und der am 3. Oktober 1990 vollzogenen Selbstauflösung der DDR in einem Klima der intellektuellen Abwicklung alter kultureller Wegmarken mit einem schlagartigen Reputationsverlust konfrontiert. Nicht wenige bis dahin in der Bundesrepublik hochgeschätzte Autoren und Autorinnen, darunter Christa Wolf, Heiner Müller, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Volker Braun und Christoph Hein, mussten es hinnehmen, von tonangebenden Kritikern der Konkursmasse der DDR zugeschlagen und als Altlast der DDR abgeschrieben zu werden. Zugleich sahen sie sich mit dem Vorwurf konfrontiert, ungeachtet aller auch ihnen zugestandener Kritik am realexistierenden Sozialismus an der ‚Erhabenheit‘ des Sozialismus festgehalten und sich solcherart an einem verfehlten Sinngebungsprojekt der Geschichte beteiligt gehabt (was nichts anderes heißt als: einem Unrechtssystem den legitimatorischen Rahmen geliefert) zu haben.
Dieses Verdikt kam ebenso schnell wie überraschend, hatte sich die DDR-Literatur doch in den siebziger und achtziger Jahren nicht nur eine breite Leserschaft in der Bundesrepublik und in den angelsächsischen Ländern erobert, sondern sich mit Werken etwa Christa Wolfs, Christoph Heins oder Volker Brauns über das ästhetische Ansehen hinaus auch einen moralischen Nimbus erobert: als Bastion von Regimekritik und Zivilcourage, nicht zuletzt auch (und genau daraus erwuchs ihr nun ein Vorwurf) als glaubwürdige Instanz eines ‚wahren‘ Sozialismus im ‚falschen‘ (oder zu-mindest fehlerhaften) Sozialismus – und dies in eben dem Maße, in dem sich in der Literatur der DDR zugleich das Auseinandertreten von sozialem und ökonomischem Fortschritt, von Utopie und Geschichte, Anspruch und Wirklichkeit thematisch in den Vordergrund zu schieben begann und Melancholie, Trauer, Skepsis und Ernüchterung den nun tonangebenden Rück-Blick auf eine Geschichte konturierten, die ihrer eigenen Dialektik anheimzufallen drohte.
Mit dem durch die Veröffentlichung von Christa Wolfs Prosatext „Was bleibt“ (1990) ausgelösten und durch die Aufdeckung der Stasiverstrickungen einiger Künstler und Künstlerinnen verschärften deutsch-deutschen Literaturstreit zeigten sich die Brüche und blinden Flecken dieser Wahrnehmungsperspektive, auch wenn sich Stefan Heyms Befürchtung einer Marginalisierung von vierzig Jahren DDR-Geschichte nicht in dem Maße bewahrheitet hat. Nichts anderes als „eine Fußnote in der Weltgeschichte“ werde die DDR sein, hatte Heym seinerzeit am Abend des ersten Wahlsonntags in der DDR nach dem Fall der Mauer zu Protokoll gegeben. Die gesamtdeutsche Perspektive dieser erbittert geführten Kontroverse aus den ersten Jahren der Wiedervereinigung, bei der es auch um so etwas wie eine „kulturelle Definitionsmacht“ (Emmerich) im Lande ging, um „Weltbilder und Deutungsmonopole“ (Thomas Schmidt), nicht zuletzt auch um Privilegien, wird kaum mehr erinnert: dass nämlich mit ihr zugleich einem Typus engagierter Literatur als solchem und damit zugleich dem Modell des Autors als moralischer Instanz und praeceptor die Legimitation abgesprochen wurde. „Christa Wolf hat, wie Günter Grass, auch von der angedeuteten quasireligiösen Mentalität west- und ostdeutscher Besucher von Dichterlesungen gelebt“, erklärte beispielsweise Karl Heinz Bohrer im Oktober 1990 in seiner Glosse „Kulturschutzgebiet DDR“: „Das ist hoffentlich vorbei. Auch sie wird sich daran gewöhnen müssen, was Literatur in einer säkularisierten Gesellschaft darstellt: keine Droge für Unterdrückte, kein quietistisches Labsal. Vielmehr verschärfter Anspruch an die imaginative Potenz.“
Der Weg in die deutsche Einheit führte von hier aus nicht wenige Autoren und Autorinnen, die bislang das Bild der Literaturlandschaft DDR maßgeblich mitgeprägt hatten, aus den Himmeln der (moralischen) Bedeutung vor den Abgrund der moralischen und zugleich damit politischen Bedeutungslosigkeit, was nicht in jedem Fall mit Erfolglosigkeit zu verwechseln ist. Den damit verbundenen Verlust einer Arbeitsillusion aber, die nicht allein den Traum von einer die Fesseln der Diktatur hinter sich lassenden sozialistischen Gesellschaft zu Gegenstand hatte, sondern auch in eminenter Weise Konsequenzen für das Verhältnis der künstlerischen Intelligenz der DDR zum ‚Staatsvolk‘ nach sich ziehen sollte, für das zu sprechen sie immer wieder den Anspruch erhoben hatte, hat in Volker Brauns Gedicht „Das Eigentum“ einen signifikanten Ausdruck gefunden: „Dem Winter folgt der Sommer der Begierde. / Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst. / Und unverständlich wird mein ganzer Text / Was ich niemals besaß wird mir entrissen. / Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen. / Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle. / Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle. / Wann sag ich wieder mein und meine alle.“
Die Verlusterfahrung des Künstlers Braun hat eine wissenschaftstheoretische Kehrseite. Der Zusammenbruch des Staates, auf den sich die DDR-Literatur in je individueller Nähe und/oder Abstoßung bezogen hat, hat mit einem Mal auch die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Re-Lektüre der Literatur auf die Tagesordnung gesetzt, wurde die Rezeption der DDR-Literatur doch bislang häufig geleitet von einem Interesse am Experiment des Sozialismus – mehr zumindest als von einem Interesse an der Literatur an sich. Das hier angekündigte Symposium will von hier aus die überaus komplexen Transformationsprozesses, die nach 1989 die Literaturlandschaft DDR auf den verschiedensten Ebenen betroffen haben, im Einzelnen untersuchen. Im interdisziplinären Gespräch von Literatur- und Kulturwissenschaft, von Politik- und Geschichtswissenschaft soll das literarische Feld ‚DDR-Literatur‘ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Erbeten werden Forschungsbeiträge zu folgenden Sektionen:

1. Literaturgeschichtsschreibung
Diskutiert werden sollen in dieser Sektion – bezogen auf den Gegenstand der DDR-Literatur – Methodiken und Modelle der Literaturgeschichtsschreibung, Kanonisierungs- und Entkanonisierungsprozesse sowie die Formierungen normativen Handelns im Umgang mit Literatur und damit die Voraussetzungen von Wertungen innerhalb der Literaturgeschichtsschreibung, ihren Bedingungen, Ausprägungen, ihrem Wandel und ihren normativen Konzepten, wie sie beispielsweise in Ästhetiken, Poetologien, Theorien oder Rezensionen zum Ausdruck kommen.

2. Leitdiskurse – Gründungsmythen
Gegenstand dieser Sektion ist die Rekonstruktion diskursiver Leitvorstellungen, von ästhetischen und politischen Kontexten etc. Wie zum Beispiel werden Rückblicke in die Geschichte literarisch oder dramaturgisch inszeniert, unter welchen Leitvorstellungen, mit welchen Mitteln? Wie Zukunftsphantasien und Utopiekonzeptionen?

3. Institutionen (Verlagswesen, Theater etc.)
In dieser Sektion sollen die Veränderungen auf institutioneller Ebene rekonstruiert werden, die sich nach dem Fall der Mauer ergeben haben: Konzentration, Restrukturierung des Verlagswesens; Situation der (insbesondere kleineren) Theater, Kritik etc.

4. Drama/Theater – Prosa – Lyrik
Ziel der Sektion ist die kritische Inspektion der Literatur in exemplarischen Re- oder Neulektüren signifikanter Einzeltexte, von Werkgruppen oder Phasen der Literaturentwicklung. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Aufhellung blinder Flecken (Literatur der vorstaatlichen Zeit, 50er Jahre) und bislang eher weniger beachteten Texten und Textsorten wie der Unterhaltungsliteratur.

Die Vorträge sollen 30 Minuten nicht überschreiten und können sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache gehalten werden. Wir beabsichtigen, die Beiträge in der Reihe der „Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik“ zu veröffentlichen.

Themenvorschläge und Exposés (maximal 1 Seite) werden bis zum 30. Oktober 2009 erbeten an:

Prof. Dr. Norbert Otto Eke, Universität Paderborn, Fakultät für Kulturwissenschaften, 33095 Paderborn; Email: norbert.eke@t-online.de

Prof. Dr. Michael Hofmann, Universität Paderborn, Fakultät für Kulturwissenschaften, 33095 Paderborn; Email: mhofmannaachen@aol.com

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBerlin
Bewerbungsschluss30.10.2009
Beginn09.11.2010
Ende11.11.2010
PersonName: Eke, Norbert Otto [Prof. Dr.] 
Funktion: Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur (Universität Paderborn) 
E-Mail: Norbert.Eke@upb.de 
KontaktdatenName/Institution: Fakultät für Kulturwissenschaften der Univ. Paderborn 
Postleitzahl: 33095 
Stadt: Paderborn 
Telefon: 0049-(0)-5251-60-2924 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteratur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte
Zusätzliches SuchwortDDR-Literatur
Klassifikation18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.11.00 DDR > 18.11.03 Geistes- und Kulturgeschichte; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.11.00 DDR > 18.11.07 Stoffe. Motive. Themen
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